Mannheim
Compact Memory

Zeitschrift für die Geschichte der Juden in Deutschland · 1888-01-01 · Heft 1 · p. Seite 56

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Zeitschrift für die Geschichte der Juden in Deutschland
Volume
1888
Issue
Heft 1
Article
Briefe von und an Gabriel Riesser
Date
1888-01-01
Page
Seite 56 (sequence 10)
Language
German
Belongs to
article
OCR quality
98% known words query
IRI
…/2259275-2259334-2259336-2263563--0516-2263638
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

56 Briefe von Gabriel Rießer und M. A. Stern. beliebte Erklärung Nr. 2 betrifft den moralischen Eindruck, den sie auf das Publikum im Ganzen machen wird. Wie von der einen Seite Billigkeit und Liebe der Wahrheit, so sind von der anderen Unbill und Gehässigkeit der Lüge verwandt. Eine offene, wahrhafte Erklärung, die sich, wie dem Judenthume, so auch zugleich dem unseligen Princip des Confessions- Zwanges überhaupt entgegenstellte, würde uns freilich von dem alten Judenthume noch weiter trennen; aber unsere Stellung gegen dasselbe würde eine klare, ehrliche und meines Erachtens demselben moralisch unschädliche sein. Indem wir uns dem Judenthume, oder wenn Du das lieber willst, dem jüdischen Aberglauben, zugleich aber dem ganzen Zustande der Dinge, in welchem dasselbe nothwendig eine Stelle einnimmt, offen entgegenstellen, treten wir jenem auf keine Weise zu nahe, wir nehmen unsere Stellung ein und lassen ihm die sein ige. Wenn wir aber, um uns besser und bequemer zu stellen, den lügnerischen Schein annehmen als befänden wir uns auf dem positivsten, Polizeigemäßesten Standpunkte, wenn wir durch den vorgeschützten Bibelglauben und einige Consequenzen desselben, wie die Beschneidung u. dgl., uns dem Erforderniß des Staates accommediren, so drücken wir unwillkührlich das Judenthum unter diesen Standpunkt, unter das Niveau der herrschenden Religion und des herrschenden Anspruchs an einen positiven Glauben herunter. Durch die unwahre Stellung, in die wir uns versetzt haben, bringen wir nothwendig das Judenthum in eine falsche und beklagenswerthe und thun ihm und uns — wenigstens unserer Vergangenheit — mit ihm ein unverzeihliches Unrecht und einen unersetzlichen Schaden. Hälft Du es etwa für einen zufälligen oder für einen gleichgültigen Umstand, daß die beiden einzigen Sätze, welche in der „zahmen" Erklärung die Censur Deiner Reform-Genossen passirt haben, — denn die Erklärung über die Perfektibilität des biblischen Judenthums halte ich, wie gesagt, für Nichts, wenn sich nichts daran knüpft — sich an die beiden alten Stich- und Schlagwörter des Judenhasses, Talmud und politischen Messias, hängen, so daß diese Erklärung Euch, Ihr m'öget wollen oder nicht, in den Augen der Welt auf jene Seite stellt und die rationalistischen Judenverfolgungen der letzteren 50 Jahre vollkommen rechtfertigt: wodurch Ihr freilich sehr im Vortheil seid, und auf mächtige Bundesgenossen hoffen könnt, aber auf Kosten der Billigkeit und — nach meinem Gefühle, das indessen auf diesem Punkte wohl Wenige theilen werden, — auch auf Kosten der Ehre. Ihr könntet eben so gut als Nr. ^4 und 5 Eurer Erklärung aufnehmen, daß Ihr die Christen nicht sür unrein haltet, und daß Ihr es nicht als erlaubt anseht, die Christen zu betrügen. Die Sache würde dadurch in der That nur scheinbar schlimmer werden; in Wirklichkeit ist sie schon eben so schlimm; denn eben diese Dinge sind es ganz vorzugsweise vielleicht ausschließlich, welche die christliche Welt in Eurer Erklärung zwischen den Zeilen lesen wird. Auf diese Punkte wird eine Erklärung, die blos den Talmud und den Messias-Glauben ablehnt, nothwendig hingedrängt, weil sie in der That ohne diese keine rechte Bedeutung hat; auf diese Punkte habe ich die Anhänger des Talmud-Abschwörens, selbst im mündlichen Streit, wenn man ihnen zu Leibe ging, immer ihre Richtung nehmen sehen; und ich besorge sehr, daß dieser Weg

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.