Zeitschrift für die Geschichte der Juden in Deutschland
- Journal
- Zeitschrift für die Geschichte der Juden in Deutschland
- Volume
- 1888
- Issue
- Heft 1
- Article
- Briefe von und an Gabriel Riesser
- Date
- 1888-01-01
- Page
- Seite 55 (sequence 9)
- Language
- German
- Belongs to
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Briefe von Gabriel Rießer und M. A. «vtern. 55 für die religiöse Erziehung der Kinder zu reden? Ihr wagt solche Reden zu führen und wagt nicht einmal Euch gegen die Beschneidung zu erklären, weil sie biblisch ist? Diese widrige Ceremonie allein muß, insofern sie als eine religiöse betrachtet werden soll, jedes gebildete Gefühl reichlich so sehr anekeln, wie Talmud und Messias zusammengenommen, und die soll bestehen bleiben, um nicht mit den Staatsbehörden in Collision zu gerathen? Und das ist Euer Einklang zwischen Gesinnung und Praxis? Das Eure Gewissenssache? Und die Speisegesetze und die verbotenen Ehen der Cohanim und die Chaliza — sind die nicht biblisch? Oder soll das Alles durch den Ausspruch, daß Ihr die mosaische Religion einer fortwährenden EntWickelung fähig haltet, beseitigt sein? Ich kann hierin nichts als eine leere Phrase finden, so lange nicht der Punkt, bis zu welchem die Entwicklung in der Gegenwart gediehen ist, wenigstens in Umrissen, und in so handgreiflichen, täglichen Fragen, wie die Beschneidung vor Allem ist, angegeben wird. Ich erblicke in dem Schritt, den Du als einen Fortschritt ansiehst, einen ungeheuren verderblichen Rückschritt. In unserer jetzigen Lage ist wenigstens, wenn wir uns äußerem Zwange leider in einigen wenigen Punkten fügen, doch unsere innere Freiheit und Wahrhaftigkeit ungefährdet. Es weiß es ein Jeder, oder wir können es einem Jeden ungenirt sagen, daß unsere Stellung keine ganz freie ist, daß wir uns z. B. die Beschneidung nur gefallen lassen, — weil uns nach der vorläufig herrschenden Meinung wenigstens — zwischen ihr und der Taufe unserer Kinder keine Wahl würde gelassen werden. Aber wenn Ihr eine angeblich durchgreifende Reform prunkend verkündet, wenn Ihr Euch anmaßt. Eure äußere religiöse Stellung mit Eurer inneren Überzeugung ganz in Einklang gebracht zu haben, und wenn Ihr dann doch beibehaltet, was Eurer Überzeugung widerstreben, was Euer Gefühl anekeln muß, welche Entschuldigung habt Ihr dann? Und zumal, wenn Ihr es beibehaltet und dadurch noch ungleich mehr als vorher sanktionirt, nicht weil es Eurem Sinne, Eurer Anhänglichkeit, ja nicht einmal, weil es Eurem Vorurtheil zusagt, sondern allein, weil ein stupides yuiä pro yuo der Staatsgewalt es so verlangt, und wenn ihr in Euren Artikeln nicht einmal auszusprechen wagt, daß sich die Sache so verhält: in welche falsche Lage gerathet Ihr da? Wäre es da nicht tausend Mal besser, es beim Alten zu lassen, bis Freiheit oder Muth zu etwas Rechtem da ist? Das willst Du für einen Fortschritt ausgeben, wenn von den Grundsätzen, die Hunderte von uns seit Jahren eben so offenkundig üben, als aussprechen, ein kleiner Theil vor der Welt artikelweise producirt, der größere Theil ia xstto behalten und an den ernsthaftesten dringendsten Punkten, an solchen nämlich, wo wir dem Zwange unterliegen, nicht einmal zu rühren und zu rütteln versucht, also das Princip der Reform gerade da, wo es am meisten Noch thut, schmählich verrathen und verlassen wird? Es kommt mir vor, als wenn dieser Plan der schlechtesten Richtung des protestantisch-theologischen Rationalismus, dieses durch den Haß Lessings bei seinem ersten Auskommen genügend bezeichneten falschen Spieles mit der Wahrheit, entlehnt wäre: eine Parallele, deren Ausführung mich jedoch zu weit abführen würde. Mein zweiter, dem ersten nahe verwandter Haupteinwand gegen die