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Zeitschrift für die Geschichte der Juden in Deutschland · 1888-01-01 · Heft 1 · p. Seite 54

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Journal
Zeitschrift für die Geschichte der Juden in Deutschland
Volume
1888
Issue
Heft 1
Article
Briefe von und an Gabriel Riesser
Date
1888-01-01
Page
Seite 54 (sequence 8)
Language
German
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54 Briefe von Gabriel Rießer und M. A. Stern. glaube nicht, daß eine zusammengeballte Masse von Schwächen eine Summe von Kraft giebt, ich bin der Meinung, daß, um einen Verein auf der Basis freier und unabhängiger Gesinnung zu bilden, eben diese Gesinnung in den Einzelnen zum voraus müßte vorhanden sein, und daß sie nicht ersetzt werden kann dadurch, daß sich ein Jeder hinter Viele verkriecht, daß vielmehr der Mangel so nur um so sichtbarer hervortritt. Und für diese Befürchtung finde ich einen traurigen Beleg in Deinem Bericht über die Geschichte des Frankfurter Reformplanes. Und darin liegt der wesentliche Grund meines Widerwillens gegen denselben in seiner letzten „zahmen" Gestaltung. Man hat beschlossen, alles was die Bibel berührt, herauszulassen! Warum? Etwa aus Verehrung vor der Bibel, aus Liebe zu ihr und zum Judenthume? Motive, die ich meinestheils respektiren würde. Gott bewahre! Btos und lediglich, um nicht in Collisionen mit den Staatsbehörden zu kommen. Das ist erstaunlich weise und ich erkenne die klugen Herren darin, wie wenn ich sie gemalt vor mir sähe. Die Bibel wird höflichst geschont der vornehmen Verwandtschaft mit dem Christenthume und der hohen Protektion der Polizei wegen. Ich rathe Euch, den Artikel aus dem Glaubensbekenntniß des vr. Fuld in Offenbach anzunehmen, der, wenn ich mich recht erinnere, wörtlich so lautete: „Die Bibel bedarf keiner Vertheidigung, denn sie spricht für sich selbst, und Christus hat sie anerkannt." Ihr müßt nur noch hinzusetzen: „und die Polizei verlangt, daß man an sie glaube." Da habt Ihr Euer ganzes Geheimniß. Du glaubst, Ihr würdet vermittelst dieses Pfiffs weit größeren Anklang bei den Juden finden. Ich glaube allerdings auch, Ihr werdet vielen Beifall finden bei der großen Anzahl der Juden, die sich sehr behaglich fühlen, wenn sie gerade so aufgeklärt sind, wie der Judenhaß und gerade so freisinnig wie die Polizei, wenn sie über das Judenthum ganz so denken, wie Schöff X. und wie Senator; bei allen Denen, die gar keine Furcht haben vor dem alten Jehovah, weil sie ganz gewiß wissen, daß sie keine Schläge von ihm kriegen, aber gewaltig viel Furcht vor Regierungsräthen und Bürgermeistern, bei allen, die wahre Eisenfresser an Muth sind gegenüber dem ungentilen, lumpigen Judenthume, aber bereit sind, sich vor jeder Narrheit und vor jedem Zwange zu schmiegen, wenn sie nur den Stempel des Herrschenden an sich tragen. Die Fallstaffs- Courage, die dazu gehört, um dem längst unter die Füße getretenen, dem von jedem Gassenbuben sowohl, wie von den Besten und Weisesten geschmähten und mißhandelten Talmud noch einen Fußtritt zu geben, um den verhöhnten und verachteten Glauben an einen politischen Messias, der uns nach Palästina zurückführen soll, zu desavouiren — die haben sie Alle. Das Hab' ich längst gewußt. Aber der Wahrheit die Ehre zu geben, das Princip des Knechtsdienstes unter dem Joche eines positiven Glaubens auch nur in Frage zu stellen, seine männliche Freiheit auch da zu vertheidigen wenigstens, — geschweige denn siegreich zu behaupten — wo die dumme Tyrannei des Staats einen barbarischen biblischen Brauch in Schutz nimmt, davon ist natürlich keine Rede. Und bei solcher Misere scheut Ihr Euch nicht, von Wahrhaftigkeit, von Gewissenspflicht, von Aufhebung des Zwiespalts zwischen Gesinnung und Praxis, von Haltpunkten

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