Zeitschrift für die Geschichte der Juden in Deutschland
- Journal
- Zeitschrift für die Geschichte der Juden in Deutschland
- Volume
- 1888
- Issue
- Heft 1
- Article
- Briefe von und an Gabriel Riesser
- Date
- 1888-01-01
- Page
- Seite 53 (sequence 7)
- Language
- German
- Belongs to
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Briefe von Gabriel Rießer und M. A. Stern. 53 kann ihr das gegenwärtig durchaus nicht verargen; ja ich halte selbst die Frage der relativen Notwendigkeit einer Sektenbildung, um die Sache der Ausklärung zu behaupten, jetzt für zweifelhaft, wenn ich auch für mein Theil noch nicht von meiner früheren, freilich schwankend gewordenen Ansicht lassen kann. Ich bin noch immer geneigt Kern und Wesen und Kraft der Aufklärung in dem freien, selbständigen Ausdruck der persönlichen Gesinnung zu suchen, in der Weise, wie Hunderte von uns durch all ihr Thun und Lassen, durch ihr ganzes Leben, durch tausend Äußerungen, durch ihr bei jedem Anlaß ausgesprochenes Urtheil und kundgegebene Überzeugung gegen ein erstorbenes Herkommen Protestiren; und ich fürchte sehr, daß wir bei einem angenommenen Symbol an Freiheit mehr verlieren, als wir an Haltung gewinnen; unsere Einsicht wird dadurch nicht tiefer, unsere Überzeugung nicht fester, unser Sireben nach Wahrheit nicht aufrichtiger werden, und ob wir uns nicht neue Hemmschuhe anlegen, ist immer noch sehr die Frage. Du kannst und wirst mir hiegegen einwenden, daß es ja doch einzelne Punkte giebt, in welchen nachweislich jenes Freiheitsprincip nicht ausgereicht hat; in denen ein wirklicher, unleugbarer, abscheulicher Zwang stattfindet. Die Punkte sind leicht aufzuzählen; es ist vor allem die Beschneidung, dann jene faulen Partien des Eherechts, namentlich der schmähliche Unsinn der Chaliza und der pi-ivileZia. oäiosa des Priesterstammes, und allenfalls noch der Eid. Was den Eid anlangt, so halte ich den Widerspruch für unlösbar, so lange derselbe überhaupt seinen consessionellen Charakter behält, und zweifle, daß uns vor einer Änderung in dieser Hinsicht eine sektenartige Constituirung etwas Helsen wird. Auch was die Ehe anlangt, wird es schwer sein, etwas gegen jene jämmerlichen Dummheiten zu machen, so lange es keine bürgerliche Ehe, also eigentlich gar kein selbständiges Eherecht giebt. Indessen wäre doch wohl in dieser Beziehung, mehr aber noch in Betreff des Hauptpunktes, der Beschneidung, ein ernsterer Widerstand gegen einen stupiden Despotismus möglich gewesen, der, durch eine einfältige Verwechselung der Begriffe, durch eine konfuse Analogie mit der Taufe Neugeborener irre geleitet, in diesem Punkte Zwang eintreten läßt, während die Erfüllung so vieler anderen, gleich wichtigen jüdischen Gebote dem freien Belieben überlassen bleibt. Ich habe zu jeder Zeit die Bekämpfung dieses unsinnigen Zwanges und jener eherechtlichen Albernheiten für eine der Aufgaben, und zwar der wesentlichsten, des Freiheitsprincip gehalten. Daß das letztere auf diesen Punkten bisher nicht durchgedrungen ist, liegt nicht an ihm, sondern an dem Widerstande, den es findet; daß aber noch so wenig ernste Versuche gemacht worden sind, diesen Widerstand zu überwinden, liegt einzig und allein in dem Mangel an Freiheitssinn, an Willenskraft, an Charakter, an Much jeder äußeren, nicht jüdischen Gewalt gegenüber, welcher Mangel leider die enorme Mehrzahl der ausgeklärten Juden in ganz gleicher Weise, wie die der orthodoxen bezeichnet. Ob ein Verein diesen beklagenswerthen Mangel ersetzen wird, das ist eine hier sehr wichtige Frage. Ist sie zu bejahen, wie Du ohne Zweifel annimmst, dann liegt hierin ein sehr bedeutendes Moment — in meinem Sinn bei weitem das bedeutendste — für den vorgeschlagenen Verein. Aber ich fürchte das Gegentheil; ich