Zeitschrift für die Geschichte der Juden in Deutschland
- Journal
- Zeitschrift für die Geschichte der Juden in Deutschland
- Volume
- 1888
- Issue
- Heft 1
- Article
- Briefe von und an Gabriel Riesser
- Date
- 1888-01-01
- Page
- Seite 52 (sequence 6)
- Language
- German
- Belongs to
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52 Briefe von Gabriel Rießer und M. A. Stern. ministrativer Uniformirung erschienen, haben mit Leidenschaft die Partei des Rückschritts auch hier ergriffen, seitdem sie zu ahnen anfingen, daß in der -Bildung und Aufklärung auch hier mehr als knechtische Form und Dressur, daß auch hier ein Gedanke der Freiheit und der Menschenwürde in ihnen verborgen liegt. Ich meinestheils erblicke deshalb in diesem Parteinehmen der Regierungen für die Sache des Rückschritts einen Fortschritt, der freilich manchem braven Manne unter uns theuer zu stehen kommt und der Diejenigen ganz perplex macht, die für den Fortschritt vor allem auf die Regierungen gerechnet haben. Die Orthodoxie aber ist ob dem Allen sehr erfreut und ist außer sich vor Jubel, wenn sie unter Allerhöchster Protektion gegen die Neologen zu Felde ziehen kann. Das ist von ihrer Seite ganz natürlich und gar nicht anders zu erwarten. Es ist gar nicht denkbar, daß die Orthodoxie es der Aufklärung Dank wissen sollte, einst jenes Bündniß mit der Gewalt, da es sich ihr darbot, verschmähet zu haben, das jene jetzt so begierig ergreift; denn die Orthodoxie ist viel zu stumpf und bornirt, um so etwas zu begreifen und die Motive davon zu würdigen. Aber das ist darum nicht weniger wahr, das jetzt zum Mitleid, zur Schonung der Orthodoxie als Parteisache kein Grund mehr vorhanden ist, und daß jetzt ungleich mehr als früher auch der Gedanke der Freiheit zu ihrer Bekämpfung mit ehrlichen Waffen auffordert. Von dieser Seite kann ich daher jetzt — im Gegensatz einer früheren Zeit — nur einen Antrieb zu einer auf Freiheit und Wahrhaftigkeit beruhenden Sektenbildung finden. Dieselbe Änderung der Sachlage ist in einer verwandten, allgemeinen Beziehung eingetreten. In einer Zeit, in welcher der Gedanke der Freiheit mächtig und vorherrschend ist, ist es natürlich in ihm die Heilkraft gegen die Übel der Menschheit, in ihm den eigentlichen Stützpunkt für menschliche EntWickelung, Fortschritt und Bildung zu finden. Auf dem Standpunkt der Freiheit aber bedarf es keiner Sektenbildung; auf ihm gilt die freie, offene Überzeugung eines oder mehrerer Einzelner, die nach Wahrheit streben, der Wahrheit dienen, dem Glauben einer geschlossenen, durch ein Symbol vereinigten Schaar ganz gleich; das Streben nach Wahrheit genügt sich hier vollkommen selbst und überläßt dem Wahne gern die bindenden Formen äußerlicher Einheit; die Überzeugung, der Wille, der Charakter des Einzelnen reichen aus, um mit den geschlossenen Reihen der Anhänger des überlieferten Glaubens in die Schranken zu treten. In dieser Gesinnung wurzelt Lessings tiefer Widerwille gegen das Sektenbilden, selbst wo es dem entschiedensten Fortschritt galt; daher die bemerkenswert^ Äußerung, daß die sektirerische Wahrheit schlimmer sei, als der Jrrthum. Indessen setzt diese auf einem gewissen Stolze der Freiheit beruhende Gesinnung eben wesentlich eine hohe Geltung des Freiheits-Gedankens voraus; wo dieser, wie es unleugbar augenblicklich der Fall ist, zurücktritt, wo die durch die Freiheit bedingte individuelle Charakterentwickelung wesentlich gehemmt wird, da ist es natürlich, daß es der Aufklärung etwas bange wird bei dieser alleinigen Stütze und daß sie sich nach den Waffen umsieht, die ihren Gegnern so wesentlich zu Statten kommen, daß sie sich gern unter den Schutz einer anderen Macht, als der Freiheit begeben möchte. Ich