Zeitschrift für die Geschichte der Juden in Deutschland
- Journal
- Zeitschrift für die Geschichte der Juden in Deutschland
- Volume
- 1888
- Issue
- Heft 1
- Article
- Briefe von und an Gabriel Riesser
- Date
- 1888-01-01
- Page
- Seite 51 (sequence 5)
- Language
- German
- Belongs to
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Briefe von Gabriel Rießer nud M. A. Stern. 51 den Juden durchweg ein gewaltiger Umschwung vorgegangen, der die Stellung Derer, deren Streben nach Freiheit vor allem Anderen gerichtet ist, in dieser Sache wesentlich verändern muß. Als ich vor 12 Jahren meine vergeblichen Bemühungen für das bürgerliche Recht der Juden in Deutschland begann, stellte sich bald die Sache so, daß Aufklärung und Reformation die heuchlerischen Losungsworte der politischen Unterdrücker, der Regierungen, wie des unredlichen Theiles der Liberalen, wurden. Ich habe mich gegen dieses elende Treiben des Judenthums überhaupt, in seiner orthodoxen eben so gut, wie in seiner freisinnigen Gestaltung, angenommen, ich werde nie bereuen, das gethan zu haben; ich würde es heute, wenn sich diese Sachlage wiederholte, von Neuem thun. Ich habe mir aber nie eingebildet, mir dadurch den Dank der jüdischen Orthodoxie zu erwerben, mit der ich nie etwas zu schaffen haben wollte, und die mir geistig eben so fremd, wie die christliche oder islamitische Orthodoxie ist und zu allen Zeiten war. Ich weiß indessen sehr wohl, daß ich auf diese Weise bei einigen Ausgeklärten in den Geruch gekommen bin, es mit der Orthodoxie nicht ganz verderben zu wollen, und es kommt mir, nach Deinem Brief zu urtheilen, vor, als wenn Du auch etwas von einer derartigen Ansicht über mich hättest. Dieser Verdacht hat mich in früheren Zeiten, so lange die Orthodoxie, der herrschenden Richtung gegenüber, arg im Gedränge war, belustigt, jetzt wo die Dinge sich anders gewendet haben, gedenke ich den Leuten nächstens darüber die Augen zu öffnen. Übrigens sind meine Überzeugungen, wie gesagt, unverändert, und im Collisionsfalle gehen mir Recht und Freiheit noch immer über Aufklärung und Reform. Ich halte auch jetzt noch die gewaltsame Einführung des deutschen Gottesdienstes in Weimar für eine eben so große Infamie, wie die schändliche Begünstigung fanatischen Unsinns und bigotten Druckes, die jetzt in Baiern an der Tagesordnung ist. Die wenigen Aufgeklärten, die mit jenen Gewaltmaßregeln der ersteren Art geliebäugelt haben, sind mir auch jetzt noch eben so zuwider, wie die ganze große Masse orthodoxen Geschmeißes, das jetzt aller Orten bereit ist, sich mit dem Hasse und der Finsterniß gegen Alles, was aufrichtig und edel ist in unserer Mitte, zu verbinden. Aber eben der Umstand, daß ein solches Bündniß möglich ist, daß es immer mehr und in immer weiteren Kreisen zur Wirklichkeit gelangt — ich glaube, es wird bald genug klar werden, daß Preußen auch in dieser Hinsicht, wie in so vielen anderen, nichts als ein übertünchtes Baiern ist — eben die Erscheinung, daß jetzt im Gegensatz der früheren Zeit die Gewalt fast durchweg aus der Seite der krassen Bigotterie ist — das verändert die Sachlage aufs Wesentlichste und verändert namentlich die Stellung und die Pflicht Derer, denen das Princip der Freiheit über alles geht. Der Judendruck hat die Maske der Ausklärung, die ihm über die kurze Zeit, wo freisinnige Ideen ein weniges galten, hinweg helfen mußte, und durch die Einige in unserer Mitte wirklich waren getäuscht worden, abgeworfen, seitdem man mit der Freisinnigkeit keine Umstände mehr macht, und ist zu dem natürlichen Bündniß mit der Finsterniß zurückgekehrt. Die Machthaber, die die Juden bilden und aufklären wollten, so lange ihnen Bildung und Aufklärung als ein Mittel pädagogischer Bedrückung und ad-