Zeitschrift für die Geschichte der Juden in Deutschland
- Journal
- Zeitschrift für die Geschichte der Juden in Deutschland
- Volume
- 1888
- Issue
- Heft 1
- Article
- Briefe von und an Gabriel Riesser
- Date
- 1888-01-01
- Page
- Seite 50 (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
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50 Briefe von Gabriel Rießer und M. A. Stern. alle in einem Griff hat. Mein Urtheil über beide Erklärungen ist in Kurzem folgendes: Die erste flößt mir diejenige Empfindung ein, die vor allen anderen zum Beitritt Roth thut, Achtung. Ich erkenne in ihr ein aufrichtiges Streben nach Wahrheit, den Wunsch, sich der Lüge, die in dem fast durch ganz Europa herrschenden Verhältniß eines großen Theiles der äußerlichen Bekenner aller Confessionen zu diesen Letzteren liegt, muthig entgegenzustellen. Es ist wahr, ich hätte auch gegen dieses Beginnen einige Einwendungen zu machen; aber diese Einwendungen betreffen theils die Fassung, theils anderes Untergeordnete, und ich glaube, wir — Du und ich — würden uns in beider. Hinsicht verständigen können; theils endlich beruhen sie auf Empfindungen, von deren Quelle und Wesen ich mir vollständige Rechenschaft zu geben weiß, in Betreff deren ich es mir indessen ohne Murren gefallen lasse, wenn sie von stärkeren Seelen, als ich zu sein Anspruch mache, für bloße Schwächen, die keine Beachtung verdienen, erklärt werden. Meine Achtung vor einer solchen Erklärung, welche die ganze religiöse Lügenwirthschaft an der Wurzel angriffe, geht so weit, daß ich mich ihr dem Wesen nach — eine größere Bestimmtheit der Fassung vorbehalten — selbst mit einem gewissen nicht zu überwindenden Gefühle des Unbehagens dennoch, von einer sittlichen Notwendigkeit getrieben, hingeben, daß ich mich ihr wie einem Höheren, unterordnen, ihr mit Allem was ich vermag dienen, vor allem aber mit aller Wärme, deren ich fähig bin, ihr die Freiheit würde erkämpfen helfen, um die sie mit dem herrschenden Lügensysteme zu ringen haben würde. Ich halte diese Freiheit für eine weit höhere und bedeutendere Frage, als die bisherige Emancipationsfrage, so viel höher und bedeutender, daß sie diese beinahe unmerklich durch ihren Sieg mit entscheiden und den Debatten darüber eine Erfrischung die ihnen im hohen Grade Noch thut, verleihen würde. — Jene zweite „zahme" Erklärung hingegen, welche die Frankfurter Herren so geschickt der ersten, durch einige kleine Weglassungen untergeschoben haben, flößt mir einen tiefen moralischen Widerwillen, sie flößt mir, wenn ich mein Gefühl beim rechten Namen nennen soll, Verachtung ein. In ihr sehe ich das Werk einer Gesinnung, die ich seit Jahren, so gut ich konnte, bekämpft habe, und nie zu bekämpfen aufhören werde. Es handelt sich hier nicht um Einwendungen, über die man sich vereinigen kann, sondern um das tiefste Innere, um Empfindung und Charakter; ich müßte ein anderer Mensch werden, um eine solche Erbärmlichkeit zu unterschreiben; ich werde dieser Erklärung Nr. 2 daher nicht allein nie beitreten, sondern sie wird in mir immer einen offenen, heftigen Gegner finden. Ehe ich dieses Urtheil näher motivire, muß ich beVorworten, daß sich meine Meinung über das praktisch wünschenswerthe und nützliche positiv gestalteter religiöser Reformen seit einigen Jahren erheblich modificirt hat. Freilich hat sich, wie ich die Sache ansehe meine Grundansicht ganz und gar nicht geändert; nur der andere Faktor des Urtheils — die Lage der Dinge — hat sich verändert, und so bin ich, indem ich dieselben Überzeugungen auf andere Verhältnisse anwende, zu anderen Resultaten gelangt. Zuvörderst ist in dem Verhältniß der äußeren Gewalten zu der Sache der Orthodoxie und der Aufklärung unter