Zeitschrift für die Geschichte der Juden in Deutschland
- Journal
- Zeitschrift für die Geschichte der Juden in Deutschland
- Volume
- 1888
- Issue
- Heft 1
- Article
- Briefe von und an Gabriel Riesser
- Date
- 1888-01-01
- Page
- 49 (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
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1. Brief Gabriel Rießers an M. A. Stern. Lieber Stern! Ich will nicht länger mit der Beantwortung Deines Briefes vom 7ten d. M. säumen, da mich die am Schlüsse desselben gemachten Mittheilungen lebhaft, und zwar in doppelter Weise, interessiren, erstens der Wichtigkeit des Gegenstandes, und zweitens eines enormen Mißverständnisses wegen, in welchem Du Dich in Betreff meiner Ansicht von der Sache befindest und das ich schleunigst aufklären möchte. Ich werde durch diesen letzten Umstand, der mich in nicht geringe Verwunderung versetzt hat, in dem schon lange, besonders aber seit dem Erscheinen der Geigerschen Schrift über den Tempelstreit gefaßten Vorsatze bestärkt, in einer Druckschrift meine Meinungen über diese Dinge klar und ausführlich darzulegen. Innern Trieb zu dieser Arbeit habe ich wenig, da ich das Gefühl habe, den Gegenstand durchaus nicht hinlänglich zu beherrschen und wenig oder nichts mehr als den Ausdruck ganz subjektiver Überzeugungen und Stimmungen geben zu können; allein ich fühle mich immer mehr durch eine gewisse Nothwendigkeit zu dieser Arbeit getrieben, wenn ich sehe wie meine früheren, gelegentlichen Äußerungen, gedruckte und mündliche, über diese Dinge aus eine mir unbegreifliche Weise mißdeutet werden. Deine Meinung über mich geht dahin, daß ich mich der ursprünglichen von Dir gutgeheißenen Erklärung in keinem Falle würde angeschlossen haben, ja Du zweifelst sogar, daß ich die jetzt beliebte, zahme Deklaration unterschrieben haben würde. Ich glaube wirklich, daß Du, wenn Du Dir früher Äußerungen von mir etwas lebhafter ins Gedächtniß gerufen hättest, mindestens den Satz hättest umkehren, in der zweiten Beziehung hattest überzeugt sein müssen, daß ich nie und nimmer beitreten werde, in der ersten an meinem Beitritt höchstens hättest zweifeln dürfen. Meine eigentliche Gesinnung in Betreff dieser beiden Erklärungen weicht aber noch um ein gutes Theil weiter von Deiner Präsumption ab. Den Unterschied zwischen beiden finde ich so groß, wie Tag und Nacht, wie Wahrhaftigkeit und Lüge, wie würdige Offenheit und unedle Feigheit. Ich finde in dem Umstände, daß man so leicht, als wenn es sich um eine harmlose Modifikation handle, die eine Erklärung der anderen hat unterschieben können, einen neuen Beleg der Wahrheit des B'örneschen Satzes, daß wenn zwanzig Gelehrte ihre Seelen in eine Kasse thun, der Teufel sie Zeitschr. f. d. Gesch. d. Juden i. Tentscht. II. 4