Zeitschrift für die Geschichte der Juden in Deutschland
- Journal
- Zeitschrift für die Geschichte der Juden in Deutschland
- Volume
- 1887
- Issue
- Heft 4
- Article
- Briefe von Lazarus und Gabriel Rießer
- Date
- 1887-01-01
- Page
- Seite 372 (sequence 7)
- Language
- German
- Belongs to
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372 H- Baerwald und M. Isler, Briese von Lazarus und Gabriel Rießer. hier können die Volks- und Jugendlehrer, und jeder Einzelne, der es mit seiner Religion und mit seinem Volke ausrichtig meint, sehr viel dazu beitragen. Ist mein Einfluß auf die Partey, zu der ich mich halte, w der That von irgend einer Bedeutung, so kann ich solchen gewiß nicht besser verwenden, als wenn ich meinen Grundsätzen und meiner Partey unverändert treu bleibe, mir dadurch ihr wohlverdientes Zutrauen zu erhalten, und so viel in meinen Kräften stehet, bei ihr diese Duldung zu befördern suche. Nicht unbekannt ist mir die Inkonsequenz eines großen Theils derselben, welcher der Gegenpartei eher den Umsturz aller Formen, als die Einführung einer von der seinigen abweichenden Form verzehhet; vielleicht auch ist es weniger Jnconsequenz als eine sehr verzeyhliche Vorsicht. Der Umsturz aller Form, auf der einen Seite, kann auf der andern Seite nur den Ritus noch mehr befestigen, da hingegen die Einführung einer neuen Form der ältern Gefahr drohet und daraus lassen sich vielleicht die neueren Vorgänge in Berlin und Coppenhagen erklären. Aber dieser übel verstandene Eifer für Religion schadet ihr gewiß mehr, als er je ihr nützen könnte, wäre er auch vom besten Erfolg begleitet. Die Religion, diese friedliche und freundliche Himmelstochter, kennt keine heiligere Pflicht als Einigkeit unter den Brüdern zu erhalten, einen schönern Gottesdienst kennt sie nicht. Den großen goldenen Orakelspruch, den unsere Talmudisten so richtig commentirten, sollten wir nie aus den Augen verlieren. ') l'^MN O'^M ^27? Hinreichend glaube ich nun gegen Sie edler Mann! mich erklärt zu haben. Sie kennen nun meinen Wirkungskreis, und werden gewiß mit mir Gott anrufen, daß ich da wo ich stehe und stehen bleiben muß, recht viel des Guten und Heilsamen für Israel erwirken möchte. Fehlt es mir an Kraft und Muße, fehlt es mir an Talent und Einfluß, so soll es mir dennoch nie an gutem Willen fehlen, und sollte ich auch von behden Partehen verkannt werden. Daraus biederer und großer Deutscher Mann, gebe ich Ihnen meinen Deutschen Handschlag! Gehorsamst L. I. Rießer. Gebunden an die Götzenbilder ist Efrajim, sei es fich selber überlassen! Hosea 4, 17. Diese Stelle wird von den alten jüdischen Exegeten verschieden erklärt; die Auffassung, auf welche Rießer hinweist, ist ohne Zweifel die in einer Homilie KeQesis Radba (sä. Warschau 1867 xg.A..40a eax. 33 § 6) überlieferte; sie lautet: „Rabbi" — gemeint ist mit dieser kurzen Bezeichnung in der Regel Rabbi Jehuda Ha-Nasfi, der um 170 n. Chr. blühte — „Rabbi sagt: das Höchste ist der Friede! Denn, wenn Israel selbst dem Götzendienst verfallen ist, es herrscht aber Friede in seiner Mitte, dann spricht, wenn man so sagen darf, die Gottheit selbst: Ich habe keine Macht über sie, denn es herrscht Friede unter ihnen, wie es heißt: „Einig im Götzendienst ist Ephraim, laß es!" Hosea IV, 17. — Wenn aber Parteistreitig-- keiten unter ihnen herrschen, was sagt die Gottheit alsdann? „Die getheilten Herzens sind werden zu Grunde gehen", Hosea X, 2, Hieraus lerne: das Höchste ist der Friede, verhaßt find Parteistreitigkeiten-. — Rießer bekundet hier, dem Freunde gegenüber, sein auf Duldung und Frieden gerichtetes Streben, dem er später in den „Send-Schreiben an meine Glaubensgenossen in Hamburg oder eine Abhandlung über den Israelitischen Cultus, Altona 1819, Gebrüder Bonn" öffentlichen Ausdruck gegeben hat. _