Zeitschrift für die Geschichte der Juden in Deutschland
- Journal
- Zeitschrift für die Geschichte der Juden in Deutschland
- Volume
- 1887
- Issue
- Heft 4
- Article
- Briefe von Lazarus und Gabriel Rießer
- Date
- 1887-01-01
- Page
- Seite 371 (sequence 6)
- Language
- German
- Belongs to
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H. Baerwald und M. Jsler, Briefe von Lazarus und Gabriel Rießer. 371 bewähren muß, und bei dem alten Ritualgesetz sein Gewissen beruhigter, und daher sich dabei glücklicher fühlen. In der Religion wie in der Politik können nur nach einer großen Revolution neue Formen Wurzel fassen, mit dem einzigen Unterschied vielleicht, daß hier — bei einem Staatsverein — die Minderzahl der Menge nachgeben muß, dort aber, wenn Gewisfensfreyheit nicht ein leerer Tand sein soll, Jeder die Frehheit behalten muß, nach seinem Gewissen zu handeln. Jetzt behde Theile unter einerlei Form bringen zu wollen, würde, nach meinem Dafürhalten, nicht einmal den gordischen Knoten zerhauen, sondern nur noch mehr verwickeln. Jede Form, die für den einen Theil ein Vorwärtsschreiten in Religiosität sehn dürfte, würde für den andern Theil immer noch ein ungeheurer Rückgang sehn, dem er sich gewissenhaft nicht unterziehen darf, und daher können, so wie die Sachen jetzt stehen, unmöglich beide Theile gleichen Schritt halten. Aber, frage ich, ist dieses denn auch so unumgänglich nothwendig? Dürste ich es wagen, meine Meinung über einen so weit über meine Sphäre erhabenen Gegenstand zu äußern, so würde ich den Grund, warum alle bisher gescheiterten desfalsigen Versuche scheiterten darin suchen, weil man immer zwei ganz verschiedenartige Zwecke, vereint erreichen wollte. Dem einen Theil eine neue Form geben zu wollen, weil er länger ohne Form nicht bestehen kann, und dem andern Theil seine alte Form nehmen, oder umstalten zu wollen — für diesen Theil gleich viel —, weil man Mängel oder Misbräuche darin zu bemerken glaubt, sind gewiß die verschiedenartigsten Zwecke, die nur ein Gott vereint erreichen kann. Männer unseres großen Zeitalters, die Ihr Euch groß genug fühlt, ein so großes Werk zu unternehmen — würde ich zurufen — höret die schwache Stimme eines Einzelnen, der es redlich mit seinem Volke meint, um so redlicher, weil er sich zu schach fühlt, aus irgend eine Partey bedeutend wirken zu können, verachtet den gutgemeinten Rath eines unparteiischen Beobachters nicht; trennt diese zweh ganz verschiedenartige Zwecke von einander, deren Erreichung nie einem und demselben Personale gelingen wird. Die Augenblicke sind wichtig! Der revolutionirte Theil muß zu irgend einer Form zurückgeführt werden; verliert die kostbare Zeit in Berathschlagungen nicht, versäumt das möglichst Gute, das jetzt in Eurer Macht zu erwirken stehet, deshalb nicht, weil Ihr das Beste erwirken wollt. „Jetzt oder Niemals!" ist die Losung. Auch diese Epoche wird verschwinden, und verschwindet auch sie unbenutzt, so kehrt auch sie nie wieder zurück. Entfernet den andern Theil, der treu seiner Form geblieben ist, ganz aus Eurem Wirkungskreise. Nicht Eure Lehren, nicht Eure Gesetze, die für uns neben unserm Ritualgesetze keine Kraft haben können, nur Euer gutes Beispiel kann in der Folge auch auf uns wohlthätig wirken, kann den großen Zweck erreichen helfen, wenn es der Vorsehung gefallen wird, daß unsere Volkslehrer und Vorsteher unsern durch Alterthum und Märtyrer Blut ehrwürdigen Ritus noch ehrwürdiger zu machen streben sollten. Einen einzigen Vereinigungspunkt gibt es, worüber sich die redlichen Männer aus allen Parteyen einig sein müssen, den nemlich: allen Sektengeist und alle die Furien, die sich in seinem Gefolge schleppen, zu verbannen, und eine gegenseitige aufrichtige Duldung zu bewirken. Dort und