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Zeitschrift für die Geschichte der Juden in Deutschland · 1887-01-01 · Heft 4 · p. Seite 370

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Journal
Zeitschrift für die Geschichte der Juden in Deutschland
Volume
1887
Issue
Heft 4
Article
Briefe von Lazarus und Gabriel Rießer
Date
1887-01-01
Page
Seite 370 (sequence 5)
Language
German
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370 H. Baerwald und M. Isler, Briese von Lazarus und Gabriel Rießer. Scheidewand, welche die verschiedenen Partehen trennt. In den letzten dreh Dezennien hatte mit allen europäischen Religionen, auch die unsrige das Schicksal gemein, daß ein großer Theil ihrer Anhänger sich über alle Form hinwegsetzen zu dürfen, ohne dem Wesen schaden zu wollen, sich berechtigt hielten. Dieser religiöse Mißgriff hatte überall üble Folgen. Das Wesen kann sich hieniden ohne Form nicht erhalten. Die in der Mosaischen Religion vorherschenden, in das Wesen derselben häufig und tief eingreifenden Ceremonien, sind wahrscheinlich es, welche vorzugsweise das große in der Geschichte beispiellose Wunder bewirkten, das Wesen einer Religion, nach Jahrtausenden von Verfolgungen und Zerstreuungen ihrer Bekenner, in einer Reinheit zu erhalten, in der wir es jetzt noch bewundern. Mit der Auflösung aller Formen schlich sich das Gift der Gleichgültigkeit gegen alles Erhabene und Göttliche, vermengt mit einem sich selbst verzehrenden Egoismus, in die Glieder der frommen Gemeinde ein, und stiftete all das Unheil, das wir beklagen. Soll der Glaube in Israel nicht untergehen, soll die treue Aufbewahrerin der unverfälschten Urquelle aller Religion, nicht selbst ohne Religion, wie ohne Sitten und Charakter ihren Nebenvölkern zum warnenden Beispiel werden, so muß sie zur Form zurückkehren. Wohl gab es vor 20 oder 25 Jahren, wo Sie zu wirken anfingen, eine Zeit, wo die verschiedenen Parteyen noch nicht so weit auseinander getrennt waren, wo vielleicht eine mäßige Umformung unter Autorität unserer Weisen und Gelehrten, der großen Revolution vorbeugen konnte. Aber diese große Epoche ging unbenutzt vorüber und kehrt nicht wieder zurück. Die große religiöse Revolution hat fürchterlich gewüthet, sie hat einen, in Zahl und Würde sehr bedeutenden Theil unserer Glaubensgenossen mitgenommen; sie hat alle noch so heilig geglaubten Formen bei demselben zerstört, und bei dessen größerer Zahl jede Spur einer positiven Religion zu vertilgen gesucht. Endlich sieht man es ein, wie es nach allen Revolutionen der Fall zu sein pflegt, daß man zu weit gegangen sey. Man stehet unsere Nebenv'ölker ruhig und wohlbedächtig zu ihren Formen zurückkehren; man hört wie diese aufgeklärten Völker dem Verfall der Religion alles erlittene Unheil beimessen, man merkt wie sehr die großen Machthaber und Helden unserer großen Zeit das Heilige ehren und geehrt wissen wollen, und wie sehr sie die Religion wieder zur festesten Stütze ihrer Throne machen — und auch die Ausgeschiedenen in Israel wollen zur Form zurückkehren. Doch zum alten Ritus zurückzukehren, findet man zu unbequem, von andern Glaubensgenossen zu isolirt, auch ist der Abstand für jetzt noch zu grell, und man wünscht daher einen neuen Ritus, dem Zeitgeist mehr angemessen. Kein wahrhast religiöser Mann wird in Abrede seyn, daß dies Zurückkehren zu irgend einer Form ein Gewinn für wahre Religion sei, nur darf man eben so wenig in Abrede seyn, daß derjenige Theil unserer Glaubensgenossen, der gewissenhaft bei dem alten Ritualgesetz geblieben ist, sich nicht in die neue Form schmiegen wird. Er wird sie im Gegentheil immer nur als ein Surrogat betrachten, dessen Tauglichkeit erst die Zeit

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