Zeitschrift für die Geschichte der Juden in Deutschland
- Journal
- Zeitschrift für die Geschichte der Juden in Deutschland
- Volume
- 1887
- Issue
- Heft 4
- Article
- Briefe von Lazarus und Gabriel Rießer
- Date
- 1887-01-01
- Page
- Seite 369 (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
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H. Baerwald und M. Jsler, Briefe von Lazarus und Gabriel Rießer. 369 Verehrter Freund und Gönner! Erziehung und Gewohnheit, Lagen und Iknstände, und endlich meine innigste Uberzeugung — alle diese untrüglichen Winke der Vorsehung haben mir meinen Wirkungskreis angewiesen. Er ist bei denjenigen unserer Glaubensgenossen, die der Bäter Gebräuchen strenge anhängen. Hier wirke ich im Stillen so viel gutes, als ein Geschäftsmann im Kreise seiner Umgebungen und Freunde wirken kann. Unter diesen zähle ich eine nicht geringe Zahl von Rabbinen und treuen Anhängern des Talmuds, in der Nähe und Ferne, mit denen ich in Verbindung stehe und die es nicht unter ihrer Würde halten, in wichtigen Angelegenheiten auch meine Meinung anzuhören. Wenn dieser Partey gegenüber, tausende von talentvollen Männern da stehen, so stehet sie da, mit jedem Tage mehr verlassen, und auch der Verlust eines einzigen Mannes wird ihr um so mehr fühlbar, weil dadurch ihr Mistrauen in die Würdigsten ihrer Anhänger zunehmen muß, und sie dennoch weder Kraft noch Leichtsinn genug hat, zu der gegenüberstehenden Partey hinauf oder hinab zu steigen. Edler Menschenfreund! Die Lage dieser Glaubenshelden ist wahrhaftig bedauernswürdig. Sie mein Herr Präsident! der Sie die Grundsätze eines Berlins, eines Kalkers u. s. w. zu würdigen geneigt waren, Sie werden mir es glauben, wenn ich Ihnen sage, daß nicht Erziehung, nicht Gewohnheit allein, sondern auch meine innigste Überzeugung mich an der Form, nicht minder als an dem Wesen der Religion unserer Väter fesseln. Früh an das praktische Leben gewöhnt, war selbst mein Studium bei meinem großen Meister, sowie der Religionsunterricht bei uns überhaupt, mehr praktisch als theoretisch. Früh also an das praktische Leben gewöhnt, blieb für das Specukative gerade so viele Muße mir übrig als es nöthig war, in dem Gebäude, in welches meine Ahnen mich versetzten, mich recht glücklich zu wissen, und kleine Risse, die Zeit und Verhältnisse veranlaßten, nach der Väter Weise und der Meister Regel, so gut es sich thun ließ, auszubessern. Es einreissen, und ein neues Gebäude mir an seiner Stelle aufbauen zu wollen — dazu hatte ich nie Muße genug, und ich danke Gott dafür, weil ich dadurch nie der Gefahr ausgesetzt war, wenn auch nur auf eine kurze Zeit, ohne Obdach zu sehn. In diesem ehrwürdigen Gebäude fand ich in allen Stürmen des Lebens, deren ich mit meinen Zeitgenossen so mannigfaltige erlebte, meine einzige Zuflucht. In diesem Heiligthum fand ich Trost, Much und Stärkung, und nahm auch so manchen Gast freundlich darin auf. Wahrlich Gründe genug für die Borliebe, die ich für dasselbe hege. Doch zu viel schon, merke ich wohl, habe ich Sie von meinem Ich unterhalten, mehr vielleicht als die Bescheidenheit erlaubt, mehr als es sich in einem Briefe an Sie geziemt. Es ist wohl Zeit zur Sache selbst überzugehen. Wenn über das Wesen der Religion unserer Bäter sich vielleicht die Meinungen der verschiedenen Parteien mehr einig sind, oder es sein können, als sie es selbst glauben, wenn der Philosoph vielleicht da endet, wo der Rechtgläubige anfängt, wenn dieser auf Treue und Glauben annimmt, was jener zu beweisen strebt, so bildet die Form oder das Ceremoniel die große