Zeitschrift für die Geschichte der Juden in Deutschland
- Journal
- Zeitschrift für die Geschichte der Juden in Deutschland
- Volume
- 1887
- Issue
- Heft 4
- Article
- Briefe von Lazarus und Gabriel Rießer
- Date
- 1887-01-01
- Page
- 368 (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
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1. Brief L. I. Rießers. Lübeck, den 2. December 1817. Sr. Hochwohlgeboren des Herrn Geheimen Finanzraths Jacobson auf Tresop. Verehrter Freund und Gönner! Gewiß wäre ich Ihrer Gunst unwürdig, wenn ich blos deshalb mich dem großen Borhaben in Hamburg nicht anschließen wollte, weil ich die Mühe oder den Undank scheue. Sie haben, durch Ihr unermüdetes Streben für das Wohl unsers Volks, Ihren Verehrern, zu deren nicht geringen Zahl ich mich stets rechne, darin ein Vorbild gegeben, das zwar keiner von uns je erreichen wird, das aber uns stets zur Nachahmung anspricht. Es sind ganz andere Gründe, die in meiner Handlungsweise mich bestimmen, die tief in mein ganzes Wesen eingreifen, die ich wohl lebhast genug fühle, dennoch zu definiren vielleicht nicht im Stande bin — doch versuchen muß ich es, weil es auf den Beifall eines Mannes ankommt, den ich mir immer gerne zum Richter meiner Handlungen wünsche. Bielleicht hat Niemand mehr als Sie der Welt es bewährt, durch Thaten es bewährt, deren Andenken in Israel nie erlöschen wird, daß die ganze Kunst des praktischen Lebens und unseres moralischen Wirkens einzig darin bestehe, die Winke der Vorsehung, daran es einzelnen Menschen ebenso wenig als ganzen Völkern fehlt, aufzufassen und zu verstehen. Die Vorsehung weiset Jedem hienieden seinen Wirkungskreis an , und wohl dem, der darin nach Kräften wirkt und nie seinen Standpunkt verrückt, oder mit andern Worten, sich nie gewaltsam einen anderen wählt. Wenn er dort, mit einem guten Willen nur Gutes stiften kann, so wird er hier nur Unheil bringen. Wenn der große Mann für ein großes Zeitalter geschaffen ist, wenn sein Wirkungskreis unermeßlich ist, so darf derjenige, dem ein weit niedrigerer Platz angewiesen ist, sich nie gewaltsam bis zu jenem emporschwingen wollen, wenn er nicht das Gute, das er an der ihm angewiesenen Stelle erwirken kann, gefährden will.