Zeitschrift für die Geschichte der Juden in Deutschland
- Journal
- Zeitschrift für die Geschichte der Juden in Deutschland
- Volume
- 1887
- Issue
- Heft 4
- Article
- Die Juden und die deutsche Literatur
- Date
- 1887-01-01
- Page
- Seite 357 (sequence 37)
- Language
- German
- Belongs to
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Ludwig Geiger, Die Juden und die deutsche Literatur. 357 politische seiner eigenen Natur erkannte, mit Goethes unpolitischem Wesen. Aber ein anderer Groll fing an, sich in ihm zu regen. Während Heine früher die religiöse Entwicklung Goethes gelobt, seinen Pantheismus gebilligt, ihn mit Vorliebe und Anerkennung den „großen Heiden" genannt hatte, tadelte er gegen Ende seines Lebens, nachdem er selbst gläubig geworden war, Goethes Skepticismus und seine Gleichgiltigkeit gegen die Religion. Doch verkümmern wir uns durch derartige Kleinlichkeiten nicht den Genuß, den es gewährt, zwei Lieblinge des Apoll in friedlicher Eintracht neben einander wandeln zu sehen. Wenn Heine, was er freilich selten konnte, seine übermäßige Eitelkeit aufgab, wenn er als Dichter seinen großen Vorgänger und Meister zu erkennen und seine Bedeutung Andere zu lehren unternahm, dann fand er Worte von edler Einfachheit, ja von Erhabenheit. Von ihm (in „Atta Troll") ist eines der hübschesten Worte zur Bezeichnung der Goetheschen Erscheinung: Auch der Helden des Gedankens Sah ich Manchen in dem Zuge: Ich erkannte unsern Wolsgang An dem heitern Glanz der Augen; von ihm jener schön durchgeführte Vergleich Goethes mit einem gewaltigen Baume, ein Vergleich, durch welchen er den Nachgeborenen und den Fremden Goethes Wesen darzulegen sich bestrebte („Über Deutschland"). „Die Altgläubigen, die Orthodoxen ärgerten sich, daß in dem Stamme des großen Baumes keine Msche mit einem Heiligenbildchen befindlich war, ja daß sogar die nackten Dryaden des Heidenthums darin ihr Hexenwesen trieben, und sie hätten gern mit geweihter Axt gleich dem heiligen Bonifatius diese alte Zaubereiche niedergefällt: die Neugläubigen, die Bekenner des Liberalismus ärgerten sich im Gegentheil, daß man diesen Baum nicht zu einem Freiheitsbaum und am allerwenigsten zu einer Barrikade benutzen konnte. In der That, der Baum war zu hoch, man konnte nicht auf seinen Wipfel eine rothe Mütze stecken und darunter die Carmagnole tanzen. Das große Publikum aber verehrte diesen Baum eben, weil er so selbstständig herrlich war, weil er so lieblich die ganze Welt mit seinem Wohldust erfüllte, weil seine Zweige so prachtvoll bis in den Himmel ragten, so daß es aussah, als seien die Sterne nur die Früchte des großen Wunderbaumes." Als Heine dies schrieb (1834) war er nicht ein „armer todtkranker Jude," wie er sich 1849 bezeichnet, sondern er erfreute sich leidlicher Gesundheit; um so mehr können seine, des Gesunden Worte, als Maßstab dessen dienen, was die gebildeten Juden unmittelbar nach Goethes Tode über den dahingegangenen Meister dachten. Aber auch den Lebendigen priesen und verehrten sie. Und bedürfte es dafür noch eines Zeugnisfes, so mag zum Schluß Eduard Gans ein solches ablegen. Er, der gleichfalls zu den frommen Weimar-Pilgern