Zeitschrift für die Geschichte der Juden in Deutschland
- Journal
- Zeitschrift für die Geschichte der Juden in Deutschland
- Volume
- 1887
- Issue
- Heft 4
- Article
- Die Juden und die deutsche Literatur
- Date
- 1887-01-01
- Page
- Seite 356 (sequence 36)
- Language
- German
- Belongs to
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356 Ludwig Geiger, Die Juden und die deutsche Literatur. Das Characteristische an diesem Briefe ist nicht blos die halb demüthige, halb selbstbewußte Ausdrucksweise, sondern insbesondere die Art, wie Heine später den Besuch bei Goethe verschwieg; der Hoheit des Olympiers gegenüber konnte er, wie es scheint, seine erkünstelte Fassung nicht bewahren, die Beschämung aber, die er hier erfuhr, veranlaßte ihn zum Schweigen oder zum Spotten.') Vorher in seiner Berliner Zeit, durch Rahel beeinflußt, war Heine ein echter Goetheschwärmer gewesen, ^) noch selbst in Norderney (1826) entwirft er eine schöne Würdigung Goethes; wenig später schilt er dagegen auf den „Aristokratenknecht," stellt sich neben Goethe und prophezeit, daß in Zukunft gar oft ihre Namen neben einander genannt werden würden; er unterscheidet den jungen und alten Goethe und will nur von dem philisterhaften, der Zeit abgewendeten nichts wissen, während er den jugendlichen Stürmer und Dränger verehrt, da dieser in die Bewegung der Zeit eingegriffen und ihren Ideen sich dienstbar zu machen versucht hätte. Darum müsse auch, so lautet seine Lehre und Prophezeiung, die „Kunstperiode" der Literatur, d. h. die den politischen Bestrebungen abgewendete Richtung derselben, zu Grunde gehen. Diese Betrachtungsweise trat um so entschiedener hervor, je stärker die politische Erregung wurde und im Nov. 1830 war sie dermaßen angewachsen, daß sie Heine zu folgendem ganz in Börneschem Geist abgefaßten Ausspruch veranlaßte: „Meine Seele bebt und es brennt mir im Auge und das ist ein ungünstiger Zustand für einen Schriftsteller, der den Stoff beherrschen und hübsch objektiv bleiben soll, wie es die Kunstschule verlangt und wie es auch Goethe gethan — er ist achtzig Jahr' dabei alt geworden und Minister und wohlhabend — armes deutsches Volk! Das ist dein größter Mann." Als aber das politische Strohfeuer bei Heine verrauscht, als Goethe todt war und das Gefühl der persönlichen Kränkung, die Heine erlitten zu haben meinte, in den Hintergrund getreten war, da besann sich Heine auf sein besseres Selbst. In dem Buche „Über Deutschland" gab er eine Schilderung der literarischen Zustände zu Goethes Zeit. Trotz mancher eitlen und schiefen Bemerkungen verstand er darin die Größe und schriftstellerische Bedeutung Goethes recht gut zu würdigen; er bekundete eine Art nationalen Stolzes darüber, daß er demselben Volke angehört wie Goethe, er lobte Goethe den Dichter und möchte uns weiß machen, daß sein früherer Tadel nur dem Menschen gegolten hätte; er gab schöne Schilderungen einzelner Werke, besonders des Divan z. B. in den Worten: „Den berauschendsten Lebensgenuß hat hier Goethe in Verse gebracht, und diese sind so leicht, so glücklich, so hingehaucht, so aetherisch, daß man sich wundert, daß dergleichen in deutscher Sprache möglich war." Seitdem wurde Heine nicht müde, trotz alles Selbstbewußtseins Goethe als Lyriker zu preisen. Ja er versöhnte sich, je mehr er selbst das Un-!) Vgl. darüber meinen Artikel ..Goethe und Heine" in: „Die Gegenwart" 1884 Nr. 8 S. 120 fg. 2) Alle Äußerungen Heines über Goethe sind sehr sorgsam zusammengestellt in dem Büchlein: Goethe in Heines Werken dargestellt von Walter Robert - tornow. Berlin 1883, das der folgenden Betrachtung zu Grunde gelegt ist.