Zeitschrift für die Geschichte der Juden in Deutschland
- Journal
- Zeitschrift für die Geschichte der Juden in Deutschland
- Volume
- 1887
- Issue
- Heft 4
- Article
- Die Juden und die deutsche Literatur
- Date
- 1887-01-01
- Page
- Seite 355 (sequence 35)
- Language
- German
- Belongs to
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Ludwig Geiger, Die Juden und die deutsche Literatur. 355 „Die verdiente Bewunderung für die Charakterreinheit und die sittliche Begeisterung Börnes, darf weder die Anerkennung von Goethes Menschenwerth, noch weniger die Bewunderung für sein Genie anfechten. Es ist ebenso ungereimt, Goethe mit dem falschen Maaßstab Börnes von 1830 wie Börne mit dem falschen deutschen Maaßstab von 1870 zu messen und ihn, wie es heutzutage geschieht, als einen Verhöhner seines Volks und der vorzüglichsten Männer desselben zu betrachten. Es war natürlich, nothwendig, daß Börne Goethe geringschätzen mußte, wir verstehen sein Nichtverstehen, ohne seinen Unwillen zu theilen. Und wir können im vollen Maaß uns an dem männlichen Pathos und an dem schneidenden Witz seiner Schriften erfreuen, selbst wenn wir nicht die Consequenzen ziehen, zu welchen ihn eine einseitige Anlage seiner Natur zwang und wir brauchen nicht über die siedenden und schimmernden Kaskaden seiner Prosa die Ausdehnung und die Tiefe jenes stillen Oceans zu vergessen, der Goethe heißt." In manchen seiner Äußerungen über Goethe ist Heine durch Börne beeinflußt. Nur hatte Jener nicht das Recht, in ähnlichem Sinne wie dieser aufzutreten. Denn Börne, obwol er Frankfurter war und durch seine Beziehungen zu Schleiermacher und Reil leicht hätte Gelegenheit erlangen können, sich Goethe zu nähern, hielt sich stets vornehm zurück, auch in seinem schriftstellerischen Character war er selbständig, soweit überhaupt einer, der nach Goethe deutsch schreibt, sich voller Selbständigkeit rühmen darf, — Heine aber war schon als Lyriker von Goethe abhängig und suchte, wie er ja überhaupt pretectionssüchtig war, des Meisters Schutz. Erst kürzlich ist dieser Brief bekannt geworden ^) und es lohnt sich, denselben an dieser Stelle zu wiederholen: Ew. Excellenz bitte ich mir das Glück zu gewähren einige Minuten vor Ihnen zu stehen. Ich will gar nicht beschwerlich fallen, will nur Ihre Hand küssen und wieder fortgehen. Ich heiße H. Heine, bin Rheinländer, verweile seit kurzem in Göttingen, und lebte vorher einige Jahre in Berlin, wo ich mit mehreren Ihrer alten Bekannten und Verehrern (dem seel. Wolf, Varnhagens zc.) umging und Sie täglich mehr lieben lernte. Ich bin auch ein Poet und war so frey Ihnen vor 3 Jahren meine „Gedichte" und vor anderthalb Jahren meine „Tragödien nebst einem lyrischen Intermezzo" (Ratkliff u. Almanzor) zuzusendend) Außerdem bin ich auch krank, machte deshalb auch vor 3 Wochen eine Gesundheitsreise nach dem Harze, und auf dem Brocken ergriff mich das Verlangen zur Verehrung Göthes nach Weimar zu pilgern. Im wahren Sinne des Wortes bin ich nun hergepilgert, nemlich zu Fuße und in verwitterten Kleidern, und erwarte die Gewährung meiner Bitte, und verharre mit Begeisterung und Ergebenheit Weimar d. 1. Oktober 1824. H. Heine. 5) G. I. Bd. V, S. 132 fg. 2) Der hier erwähnte Brief von 1821 befindet sich gleichfalls im Goethe-Archiv zu Weimar. Er ist ehrerbietiger als der unsrige, in seinem vollständigen Wortlaut bisher unbekannt, nur kleine Bruchstücke desselben sind bisher in nicht ganz correcter Fassung bekannt geworden.