Zeitschrift für die Geschichte der Juden in Deutschland
- Journal
- Zeitschrift für die Geschichte der Juden in Deutschland
- Volume
- 1887
- Issue
- Heft 4
- Article
- Die Juden und die deutsche Literatur
- Date
- 1887-01-01
- Page
- Seite 354 (sequence 34)
- Language
- German
- Belongs to
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354 Ludwig Geiger, Die Juden und die deutsche Literatur. König, hat er schlau und wohlbedacht alles berechnet und angeordnet, statt Ehrfurcht, dieses ursprüngliche Gefühl, welches die Gottentsprungene Macht erweckte, Ehre und Furcht zu erzwingen. Genug für die, welchen solche Huldigung genug ist; aber nicht genug für uns, die wir nur mit dem Herzen dienen. Blinzeln wir auch wenn es um die Augen flittert, lassen wir uns doch nicht verblenden; stutzen wir auch, wenn Machtgewohnte Mienen und Worte uns entgegenkommen, kehren wir doch bald zurück und fragen : wo ist das Recht? „Goethe spricht langsam, leise, ruhig und kalt. Die dumme Scheinbeherrschte Menge preist das hoch. Der Langsame ist ihr bedächtig, der Leise bescheiden, der Ruhige gerecht und der Kalte vernünftig. Aber es ist Alles anders. Der Muthige ist laut, der Gerechte eifrig, der Mitleidige bewegt, der Entschiedene schnell. Wer auf dem schwanken Seile der Lüge tanzt, braucht die Balancierstange der Ueberlegung; doch wer auf dem festen Boden der Wahrheit wandelt, mißt nicht ängstlich seine Schritte ab und schweift mit seinen Gedanken nach Lust umher. Seht euch vor mit Allen, die so ruhig und sicher sprechen! Sie sind ruhig aus Unruhe, scheinen sicher, weil sie sich unsicher fühlen. Glaubet dem Zweifelnden und zweifelt wenn man Glauben gebietet. Goethe's Lehrsttzl beleidigt jeden freien Mann. Unter Allem was er spricht, steht: tsl est notre xlaisir. Goethe ist anmaßend oder ein Pedant, vielleicht Beides. Goethe's Gedanken sind alle ummauert und befestigt. Er selbst will, sein Leser kann nicht mehr hinaus, sobald er in sie eingedrungen. Das Thor schließt sich hinter ihm, er ist gefangen. Goethe, weil er beschränkt ist, beschränkt. Das Umflattern der Phantasie, der eignen wie der fremden belästigt ihn; er stutzt sie, und der Flügellahme Leser preist einen Dichter hoch, zu dem er sich nicht zu erheben braucht, weil er so gütig ist, auf gleichem Boden mit ihm zu stehen." „Goethe verbietet, ja selbst dem Eigenwilligsten verhindert er das Selbstdenken. Und sage man nicht: es geschieht, weil er den Gegenstand bis auf den Grund ausschöpft, weil er der Wahrheit höchste Spitze erreicht. Der Menschenliebende Gottverwandte Dichter entführt uns der Schwerkraft der Erde, trägt uns auf seine feurigen Flügel hinauf bis in den Kreis des Himmels, dann senkt er sich, auch seine andern Kinder zu heben; uns aber zieht die Sonne an. Sinken wir mit dem Dichter zurück, so ist es weil er den irdischen Dunstkreis nicht verließ. Der wahre Dichter schafft seinen Leser zum Gedichte, das ihn selbst überflügelt. Wer nicht dieses vermag, dem ist nichts gelungen. Ein Gesell zieht er Gesellen an; aber er ist kein Meister und bildet keinen." Ich theile diese Stelle keineswegs mit, weil ich sie billige, sondern um denen, die Börne nicht kennen, die Möglichkeit zu gewähren, ihn nach seinen eigenen Worten zu richten, statt ihn, wie sie es bisher thaten, nach abgerissenen Worten und schnöden Verurteilungen Anderer zu verdammen. Was die Beurtheilung von Börnes Äußerungen betrifft, so stimme ich durchaus Georg Brandes ^) bei, der darüber sagt: Ich besitze diese Stelle aus dem oben S. 353 A. erwähnten Aufsatze in einem mir von dem Autor selbst mitgetheilten Übersetzung vgl. G. I. V, 412 fg.