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Zeitschrift für die Geschichte der Juden in Deutschland · 1887-01-01 · Heft 4 · p. Seite 353

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Journal
Zeitschrift für die Geschichte der Juden in Deutschland
Volume
1887
Issue
Heft 4
Article
Die Juden und die deutsche Literatur
Date
1887-01-01
Page
Seite 353 (sequence 33)
Language
German
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Ludwig Geiger, Die Juden und die deutsche Literatur. 353 nur, um seinem Vaterlande einen Spiegel vorzuhalten und dasselbe aus seinem Schlafe aufzurütteln, gerade seine Liebe entflammt ihn zu hohem Zorn. Börne läugnet keineswegs Goethes Dichtergröße.') Was er an ihm tadelt, sind zunächst Kleinigkeiten, z. B. im Goethe-Schillerschen Briefwechsel die förmlichen Anreden, das Dekliniren der Eigennamen, die mißbräuchliche Anwendung von Fremdwörtern. Es ist sodann Größeres, woran sich schon die Verschiedenheit beider Naturen äußert: Goethes Mangel an Witz, das philosophische Grübeln über seine Bestimmung, über die Art seines Dichterwesens. Das Größte endlich: Börne spricht, wie so Viele damals und später, welche Goethes Leben und Herz nicht kannten, Goethe Gemüth ab, er haßt seine „steinerne Ruhe," er sieht in seinen Freundschaftsverhältnissen, z. B. dem mit Schiller nur „didaktische Freundschaft, wechselseitigen Unterricht," er verachtet seine Abwendung von der Politik und seine Gleichgiltigkeit, ja Abneigung gegen die freiheitliche EntWickelung des Individuums und der Staaten. Darum mußte er sagen, weil ihm jenes Streben nach Freiheit die wahre Lebensluft war, er habe Goethe gehaßt, so lange er lebe, darum konnte er hoffen, daß an dem Tage, da Goethe stürbe, die Freiheit geboren werden würde. Darum ist er verstimmt gegen die Hören, die Alles von ihrer Besprechung ausschlössen, was sich auf Staatsreligion und politische Verfassung bezog; darum konnte er Goethe und Schiller — obwol er sie große Männer nannte — nur als Register der Vergangenheit betrachten, während er Voltaire und Lessinz als Inhaltsverzeichnisse der Zukunft Werth hielt. Am Klarsten aber tritt seine Anschauung von Goethes Wesen in folgender längern Auseinandersetzung hervor, die er einer Beurtheilung des „Divan" einfügt. Auch diesen beurtheilt er durchaus als Politiker: „Das zahme dienen trotzigen Herrschern hat sich Goethe unter allen Kostbarkeiten des orientalischen Bazars am begierigsten angeeignet. Alles andere fand er, dieses suchte er, Goethe ist der gereimte Knecht, wie Hegel der ungereimte. Goethes Stil ist zart und reinlich: darum gefällt er. Er ist vornehm: darum wird er geachtet — von Andern. Ich aber untersuchte, ob die so glatte Haut Kraft und Gesundheit bedecke, und ich fand es nicht; fand keine Ader, die von der lilienweißen Hand den Weg zum Herzen zeige. Goethe hat etwas Würdiges, aber diese Würde kommt nicht von seiner Herrlichkeit, sondern von glücklicher Anmaßung, von Eitelkeit. Wie ein Eine vollständige Zusammenstellung der Äußerungen Börnes über Goethe kenne ich nicht. Ein dänischer Aufsatz von Georg Brandes ist eben, da er dänisch geschrieben, für das deutsche Publikum so ziemlich unbenutzbar. Was ich im Folgenden zusammenstelle, macht zwar keinen Anspruch auf Vollständigkeit, enthält aber wol das Hauptsächlichste. (Ich citire nach der Originalausgabe: Gesammelte Schriften, Hamburg 1828 ff- Nachgel. Schriften, Mannheim 1850). Schriften VI, 17.189. VIII, 10 ff. 31 ff. 78 ff. 84 ff. 119 ff. IX, 106 fg. 116. X, 58. 209. Nachgel. Schriften V, 203, VI, 300. In den „Schilderungen aus Paris" 1822 fg. ein Artikel über eine franz. Ubersetzung des „Erlkönig." Unter den Critiken eine ausführliche über Goethes Briefwechsel mit einem Kinde. Eine Stelle über Goethes und Schillers Stil in Börnes franz. Schriften übers, v. Weller, Bern 1847, S. 126 sg. Die drei letzten Stellen verdanke ich dem freundlichen Nachweise meines Schwagers, des Herrn Rich. Stettiner.

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