Zeitschrift für die Geschichte der Juden in Deutschland
- Journal
- Zeitschrift für die Geschichte der Juden in Deutschland
- Volume
- 1887
- Issue
- Heft 4
- Article
- Die Juden und die deutsche Literatur
- Date
- 1887-01-01
- Page
- Seite 352 (sequence 32)
- Language
- German
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352 Ludwig Geiger, Die Juden und die deutsche Literatur. zeigen. Dieser Priester, dieser wahrhafte Gesandte! dieser sagt nun befriedigt selbst, er sei verstanden, das heißt: geliebt; geliebt mit einer Liebe, die Er nur verschaffen konnte. Dies Habich ihm verschafft." Und zwei Jahrzehnte früher — sie nennt auch hier den Namen Goethe nicht, aber wozu bedarf es der Namensnennung?:') „Wenn ich nur ihn nenne, so treten die Thränen mir ins Auge; alle anderen Menschen liebe ich nur mit meinen Kräften, er lehrt mich mit den seinen lieben. Und ich weiß noch gar nicht, wie sehr ich noch werde lieben müssen. Wie oft dacht' ich schon, mehr trägt dein Wesen nicht: und das Wesen änderte sich. Mein Dichter!" V. Geistreiche Frauen sind vortreffliche Apostel, aber sie sind keine Critiker. Die Männer haben das traurige Vorrecht, den Enthusiasmus zu dämpfen, das critische Urtheil, die critische Verurtheilung zu begründen. Unter den Vorwürfen, die man seit lange den Juden macht, findet sich auch der, daß sie, des Enthusiasmus bar, kühle und zersetzende Critik allezeit meisterlich geübt hätten. Goethe gegenüber haben sie jedoch diese Eigenthümlichkeit wenig gezeigt. Unter den Critiken Goethescher Werke von 1773—1812 ^) möchte kaum eine gesunden werden, die von einem Juden herrührt. Aber jüdische Schriftsteller aus der spätern Goetheschen Zeit — und nur von dieser, nicht aber von den fünf letzten Jahrzehnten unseres Jahrhunderts kann in diesem Zusammenhange die Rede sein — holten das Versäumte reichlich nach. Zwei Schriftsteller, die man allgemein -- wenn auch nicht ganz mit Recht — als Chorführer des „jungen Deutschland" zu bezeichnen Pflegt, Börne und Heine, sprachen sich häufig über Goethe aus. Die Goetheseindschast des Erstern und manche frivole antideutsche Äußerung des Letzten: haben genügt, um das gesammte junge Deutschland als undeutsch, als fremde cosmopolitische Eindringlinge zu bezeichnen.^) Will man Börne und seine Äußerungen über Goethe richtig beurtheilen, so muß man bestrebt sein, ihn historisch zu würdigen. Börne ist einseitig und verbittert. Einseitig, indem er den politischen, freiheitlichen Standpunkt auch bei der Schätzung Goethes wahrt und dem größten deutschen Schriftsteller nicht verzeihen kann, daß er sein gewichtiges Wort nicht für Freiheit und Volkswohl erhoben; verbittert darüber, daß den Juden menschenwürdiges Dasein nicht gewährt und den Deutschen nicht die geringsten Freiheiten gestattet sind. Schilt er Deutschland und lobt er Frankreich, so thut er es Die beiden angeführten Stellen III, 62. I, 259. Sonst ist z. B. zu vgl. I, 574. 578 fg., III, 119 fg. 172. 232 fg. 302. — Aus dem Briefw. zw. Rahel und Varnhagen notire ich HI, 189 fg. 222. IV, 215 fg. 258. 262. 266 fg. (Begegnung n Niederrad) 286 fg. 297. 312 fg. (Brief an Goethe) 325 fg. (Besuch Goethes ibei ihr) 334. V, 24 fg. 65. 2) Wir besitzen einen Neudruck derselben in der fleißigen Sammlung I. W. Braun's: Goethe im Urtheile seiner Zeitgenossen, 3 Bände, Berlin 1883-1885. 2) Die Juden für alle Sünden des „jungen Deuschland" verantwortlich zu machen, ist keineswegs neu. Schon 1836 geschah dies in der Schrift (Stuttgart, Liesching) „Die jeuns ^llemaZns in Deutschland," vgl. dagegen I. Weil, „Das junge Deutschland und die Juden" Fft. a. M. 1836.