Zeitschrift für die Geschichte der Juden in Deutschland
- Journal
- Zeitschrift für die Geschichte der Juden in Deutschland
- Volume
- 1887
- Issue
- Heft 4
- Article
- Die Juden und die deutsche Literatur
- Date
- 1887-01-01
- Page
- Seite 351 (sequence 31)
- Language
- German
- Belongs to
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Ludwig Geiger, Die Juden und die deutsche Literatur. 351 Fertigkeit darin besaß. Andere zur Schriftstellern zu reizen und durch Herausgabe ihrer Artikel Ruhm zu gewinnen, im „Morgenblatt" herausgegeben und n'öthigten Goethe ein kühles Lächeln ab. Aber es wird ihr Größeres zu Theil: sie besucht Goethe und wird von ihm freundlich aufgenommen; glückstrahlend citirt sie ein Wort, das Goethe ihr 1795 gesagt, 25 Jahre später; Ottilie von Goethe, die 1823 in Berlin war, tritt ihr nahe und bringt sie in neue Beziehungen zu dem Meister. ^) Die einzelnen Vorgänge aus dem Leben Goethes und der Seinigen betrachtet sie gleichsam als glückliche Ereignisse, die ihr selbst geschehen sind, sie wiederholt Anekdoten von Goethes Mutter; sie ist beseligt über den Besuch des Königs von Baiern bei Goetheihr Triumph ist es, wenn sie Andere zum Goethecultus bekehrt und ihr Schmerz, wenn das Glück Goethe gesehen zu haben, Anderen begegnet, die dessen minder Werth sind als sie; „Was kömmt so etwas Leuten zu, die nicht so für Freuden und Genuß zitterten."^) Goethesche Worte citirt sie, in freudiger Stimmung: „Freunde, Gleichgesinnte" oder in trauriger: „Die Nacht, sie muß sich erhellen;" in jeder Stimmung ist er ihr Führer und ihr Orakel. Das Letzte, was sie geschrieben hat, ist eine Auseinandersetzung über eine Äußerung Goethes;^) die feinen Bemerkungen, die sie über einzelne Werke Goethes macht, über „Pandora," über die „Wahlverwandtschaften," über „Wilhelm Meister," der ihr Lieblingswerk ist und bleibt, sind zahllos. Aber das größte Entzücken empfindet sie selbst und erregt sie bei Anderen, wenn sie, ohne auf ein einzelnes Werk hinzuweisen, im Allgemeinen ihrem Enthusiasmus über Goethe Worte leiht. Diesen vielstimmigen Chorus hier mitzutheilen, würde zu weit führen; nur zwei Äußerungen seien hier hervorgehoben. Die eine schrieb sie, als Varnhagens kleine Schrift „Goethe in den Zeugnissen der Mitlebenden," die übrigens nicht so bedeutsam ist, als sie hätte sein können, erschienen war: „Ich habe Friedrichs des Zweiten schwarzen Adlerorden: er bedeckt mein belohntes Herz. Er ist gemacht: aus allen Thränen, die ich weinte und verschluckte, aus allem was ich litt, liebte, genoß im Bösen und Guten. Mein Leben ist an seine Adresse gelangt; daß dieser Mann erlebe von seinen Zeitgenossen, daß er vergöttert, anerkannt, studirt, begriffen, mit dem einsichtigsten Herzen geliebt würde, war der Gipfel aller meiner Erdenwünsche und Commission. Dieser vollständigste Mensch; dieser Repräsentant, der alle anderen in sich trägt, und so mächtig ist, sie uns zu Vgl. Otto Brahm: Goethe und Berlin, Berlin 1880, S. 21—24. Dort sind viele einzelne Stellen aufgeführt, die ich hier nicht wiederholen mag. 2) Rahel, ein Buch des Andenkens HI. 213 (vgl. m, 164: ihre Ermunterung an Andere, zu Goethe zu zehn); HI, 119; Briefe an Ottilie 111,105. 167 fg. Uber Goethes Briefe an Varnh., in denen auch Weniges an und über Rahel, vgl. die Zusammenstellung, bei Strehlke II, 335—338; Einzelnes zuerst gedruckt Goethe-Jahrbuch V, 24 fg. 30 ff. — Besonders ist zu vergl. der Brief Goethes an Ottilie — Goethe-Jahrb.VI, 21 fg. —der sich aber wohl auf Varnhagens uud nicht aus RahelS Schriften bezieht. s) Rahel HI, 63 ff. 291 vgl. auch I, 99. 293 fg. ») a. a. O. I, 558. 226 fg. 5) m, 597; über einzelne Werke I, 366 fg. 384, 447. 460. 574 fg. 578 einzelne seltsame Erwähnungen I, 247. 501. Über den Tod Goethes, freilich nicht unmittelbar nach demselben III, 573.