Zeitschrift für die Geschichte der Juden in Deutschland
- Journal
- Zeitschrift für die Geschichte der Juden in Deutschland
- Volume
- 1887
- Issue
- Heft 4
- Article
- Die Juden und die deutsche Literatur
- Date
- 1887-01-01
- Page
- Seite 350 (sequence 30)
- Language
- German
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350 Ludwig Geiger, Die Juden und die deutsche Literatur. legte sie nicht, wie viele geringerwerthige Frauen, in Aufsätzen und Büchern nieder, sondern in ihren Briefen. „Sie schrieb ihre Briefe, wie ich meine Geschichte schreibe," hat mir einmal Leopold v. Ranke über sie gesagt, der auch zu ihrem Freundeskreise gehörte. Einzelnes aus diesen Briefen mag ihr Verhältniß zu Goethe characterisiren. Die Art wie sie Goethe betrachtete, hat sie am Besten in einem Briefe an Varnhagen dargelegt, mit dem sie in diesem Goetheenthusiasmus einiK war: 2) „Ein Fest war sonst ein neuer Band Goethe bei mir; ein lieblicher, herrlicher, geliebter, geehrter Gast, der mir neue Lebenspsorten zu neuem, unbekannten hellen Leben gewiß erschloß. Durch all' mein Leben begleitete mich der Dichter unfehlbar, und kräftig und gesund brachte der mir zusammen, was ich, Unglück und Glück, zersplitterte, und ich nicht sichtlich zusammenzuhalten vermochte. Mit seinem Reichthum machte ich Kompagnie, er war ewig mein einzigster, gewissester Freund; mein Bürge, daß ich mich nicht mehr unter weichenden Gespenster ängstigte, mein superirer Freund, von dem ich wußte, welche Höllen er kannte! — kurz mit ihm bin ich erwachsen und nach tausend Trennungen fand ich ihn immer wieder, er war unfehlbar; und ich, die ich kein Dichter bin, werde es nie aussprechen, was er mir war!" Aber schon weit früher als 1808 beginnt Rahels Goethesehnsucht und Goethebegeisterung. Begreiflicher Weise hegte sie den Wunsch Goethe kennen zu lernen, aber sie verzweifelte daran, „in ihrer Situation ein Mädchen, ein Judenmädchen" diesen Wunsch zu befriedigen (1794); als es ihr doch gelang, fühlte sie sich beglückt und kam sich wie geadelt vor. Goethe hatte sich lobend über sie ausgesprochen, selbständiges Denken, Empfindung und Verstand ihr nachgerühmt; sie war stolz auf dieses Lob und verkündete laut, daß „sie ihn immer angebetet, vergöttert hätte, auch wenn ihn niemand rühmte, verstände, bewunderte." Sie ist eine verständnißvolle Leserin seiner Werke, die sie allen andern vorzieht: „wenn etwas von Goethe herauskommt, habe ich die größte Geduld, "^) sie weiß sie auswendig und citirt sie, sowohl „Werther" als „Wilhelm Meister," sie liebt es, sich mit einzelnen Personen der Dramen und Romane zu identificiren, etwa mit Clärchen oder Philine, von denen sie freilich wenig genug hat, und erlebt Satisfactionen bei der Lectüre, weil sie ihre Ansichten darin wiederfindet» Und sie trat Goethe näher als sie zu hoffen gewagt hatte. In ihren Briefen an Varnhagen und in dessen Antworten fanden sich „Fragmente über Goethe;" sie wurden durch Varnhagen, der schon damals eine große 2) Ich kann nicht alle die Briefsammlungen aufzählen und darf auch nicht behaupten, alle, welche Ludmilla Assing aus ihres Onkels Varnhagen v. Ense Nachlaß verschwenderisch mitgetheilt hat, zu kennen. Die hauptsächlichsten sind von mir benutzt. Es sind: 1. Rahel. Ein Buch des Andenkens für ihre Freunde. 3 Bände, Berlin 1833, noch von Varnhagen selbst herausgegeben, 2. Briefwechsel mit David Veit, 2 Bände Leipzig 1861 (vgl. schon oben S. 328), 3. Briefwechsel mit Varnhagen v. Ense, 6 Bände, Leipzig 1874. 1875. y Briefw. m. Varnh. I, 81; 1808. — Über ihren Berliner Goethe-Cirkel vql. L>ie boshafte Bemerkung Sanders an Böttiger (1796). Im neuen Reich 1876, II, 7K. 2) Rahel-Veitscher Briefw. I, 264. II, 167. 185. 238. 4) Vgl. a. a. O. I, 21. 96. 102. 143. 195. 242, II, 70 ff. 112. 233.