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Zeitschrift für die Geschichte der Juden in Deutschland · 1887-01-01 · Heft 4 · p. Seite 349

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Journal
Zeitschrift für die Geschichte der Juden in Deutschland
Volume
1887
Issue
Heft 4
Article
Die Juden und die deutsche Literatur
Date
1887-01-01
Page
Seite 349 (sequence 29)
Language
German
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Ludwig Geiger, Die Juden uud die deutsche Literatur. 349 Die zweite ist Henriette Herz, die berühmte Schönheit, deren Wemüth und Geist viel unbedeutender waren als ihre äußerlichen Vorzüge. Bei ihr ist auch der Goethecultus ein ziemlich äußerlicher. Sie verdankt ihm zwar „unendliche Genüsse" und ist ihm dankbar für „die Auszeichnung, welche er ihr persönlich erwies,"')aber sie vergißt nicht zuregistriren, daß, als sie ihn in Dresden 1810 traf, sie über Gemälde und Auffassung der Kunst anderer Ansicht war als er; „aber da mir vor Allem darum zu thun war, ihn zu hören, so hütete ich mich sehr, ihm hierin zu widersprechen." Sie kann ihm nicht verzeihen, daß er der Verbindung seiner Nichte mit Nicolovius sich widersetzt hatte; sie sieht darin das „bis in seine Familienverhältnisse hineingetragene Bestreben, alles was ihm unbequem war oder auch nur dies zu werden drohte, rücksichtslos zu beseitigen." Die Bekanntschaft mit Goethe ist für sie ein neues Reis in ihrem Ruhmeskranze, grade wie die von ihr unternommene italienische Reise ihr eben als ein Ruhmestitel dünkt, nicht aber als ein wichtiges Moment in ihrer Bildung. Sie war eine „große, schöne, übertünchte Unwahrheit"-) und ihr Zeugniß für Goethe wirkt nicht schwer. Um so schwerer aber das der Rahel Levin, die Varnhagen von Enses Frau wurde. Wenn Eine, so hat gerade sie, diese geistreiche und geistesstarke Frau, von männlicher Kühnheit in ihren Anschauungen, von heroischem Freimuth in ihren Äußerungen, oft dunkel, orakelhaft in ihren Aussprüchen, oft klar und hell wie ein hellenischer Himmel, immer von tiefster Wahrheit erfüllt, stets selbständig und von unvergleichlicher Originalität, den Goethecultus in Berlin, in der Frauenwelt, ja in den hochgebildeten Kreisen der Gesellschaft überhaupt begründet. Die reiche Geistesarbeit ihres Lebens nur die Schlußscene: Gretchen im Gefängniß entzückt sie, aber auch diese eigentlich nur deshalb, weil sie sie an Genoveva erinnert. In Goethes Wesen und Werken jener Zeit findet sie eine rechte Bitterkeit. 2) Diese und die folgenden in Gänsefüßchen eingeschlossenen Worte sind entlehnt den Aufzeichnungen der Henr. Herz, die I.Fürst in dem Buche: „H. H. Ihr Leben und ihre Erinnerungen" Berlin 1850 herausgegeben hat. 2) Ich verdanke diese Bezeichnung dem nun verstorbenen Direktor des kgl. Münzcabinets in Berlin, Julius Friedlaender (dem Enkel Davids), der meinen Studien vielfältige Theilnahme und Förderung angedeihen ließ, deren ich dankbar eingedenk bin. Von ihm besitze ich auch folgendes Akrostichon auf H. H., das ich für ungedruckt halte und deswegen mittheile: I unonische Riesin E Zyprische Marquisin T reu doch nicht liebend T ugend verübend E ntzückt mit Gewalt H eiter und schmerzlos E itel und herzlos R euig und kalt Z u jung für so alt. Der Verfasser des geistreichen, wenn auch bösartigen Gedichtes ist Ludwig Robert der Bruder der Rahel. Auch Rahel selbst dachte über Henriette, mit der sie ein äußerlich gutes Einvernehmen erhielt und erhalten mußte, nicht sonderlich günstig; eine besonders charakteristische Stelle (Briefw. mit Barnhagen II, 109, Nov. 1810) sei hier angeführt: „Madame Hertz lebt geputzt; ohne zu wissen, daß man sich ausziehen kann und wie Einem dann ist."

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