Zeitschrift für die Geschichte der Juden in Deutschland
- Journal
- Zeitschrift für die Geschichte der Juden in Deutschland
- Volume
- 1887
- Issue
- Heft 4
- Article
- Die Juden und die deutsche Literatur
- Date
- 1887-01-01
- Page
- Seite 348 (sequence 28)
- Language
- German
- Belongs to
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348 Ludwig Geiger, Die Juden und die deutsche Literatur. Die erste ist Dorothea Schlegel (1763—1839). Sie ist unter den dreien die kühlste. Nicht in Folge der Traditionen ihres Elternhauses — sie war die Tochter Moses Mendelssohns — sondern in Folge der christlich-romantischen Ideen, in welche sie durch ihren Gatten, Friedrich Schlegel, eingeführt wurde.') Denn Dorothea vertauscht nicht, wie man es neuerdings irrigerweise darzustellen versucht hat, die Goethebewunderung der ersten Periode später mit Goetheverachtung. Allerdings ist sie über alle Maßen entzückt, als sie (1799) Goethe zuerst sieht, sie dünkt sich erhoben, da sie mit ihm spazieren gehen durfte und von ihm durch einen Blick ausgezeichnet wurde. „Er hat einen großen unauslöschlichen Eindruck auf mich gemacht; diesen Gott so sichtbar und in Menschengestalt neben mir, mit mir unmittelbar beschäftigt zu wissen, es war für mich ein großer, ein ewig dauernder Moment." Andererseits ist sie später, nachdem Goethe Schlegels Verdienst um die altdeutsche Malerei nicht anerkannt und heftige Äußerungen gegen das Christenthum gethan, sehr erbittert gegen ihn, so daß sie sich, nachdem sie ihm Gemüth, Liebe, Jugendkrast abgesprochen, zu der Äußerung versteigt: „Eine Stelle ist darin über das Christenthum als Gegenstand der Malerei; diese ist nicht allein das klare kecke Geständniß seiner antichristlichen Denkart, sondern durch Stil und Schreibart so über alle Maßen platt und bierbrudergemein, daß ich beim Lesen heftig darüber erschrocken bin; es war mir zu Muthe, als sähe ich einen verehrten Mann vollbetrunken herumtaumeln, in Gefahr, sich im Koth zu wälzen." So heftig jedoch diese Äußerungen sind, so zeigen sie doch noch Reste jener alten Verehrung und sind anderntheils vorbereitet durch frühere Andeutungen^ Dorothea überträgt nämlich nicht spätere Anschauungen auf eine frühere Periode, wenn sie in der Zeit ihres ausgeprägten Goethehasses die Behauptung ausspricht: „Ich habe, seitdem ich Goethe kenne, immer ein Mißtrauen gegen ihn gehabt." Denn in der That, trotz aller Verehrung, die sie Goethe zollt, erkennt sie von vornherein Manches an ihm, das sie zu einer vollkommenen Übereinstimmung und Bewunderung nicht kommen läßt. Schon aus der frühesten Zeit, ziemlich kurz nach der oben mitgetheilten Äußerung über die erste Begegnung ist eine höchst merkwürdige Tagebucheinzeichnung, welche die Doppelstellung gut characterisirt: „Für mich ist der „Meister" ein Buch, das ich verehre, studire, immer wieder und wieder lese, das mir nicht vom Tisch und nicht aus dem Gedächtniß kömmt, das aber meiner innersten Natur so gerade entgegen ist, daß ich wohl sagen muß: Ich verstehe es nicht. Goethe selber macht mir denselben Eindruck wie der Meister." Ihr, der leidenschaftlich erregten, der subjectiven, mit einem Worte der romantischen und religiösen Natur konnte das klare, objective, classische, heidnische Wesen Goethes nimmermehr zusagen.^) 2) Vgl. Dorothea v. Schlegel geb. Mendelssohn und deren Söhne Joh. und PH. Veit. Briefwechsel hgg. v. I. M. Raich, 2 Bände Mainz 1881. — Beiträge zur Charakteristik dieser Frauen überhaupt habe ich in m. Gesch. d. Juden in Berlin I, S. 105 fs. zu geben versucht, über Dorothea bes. in einem Aufsatz der Monatsschrift: „Aus allen Zeiten u. Landen," Braunschw. 1882 gesprochen, aus welchem einige der folgenden Sätze entnommen sind. 2) Sehr bemerkenswerth für ihre Auffassung und Stellung ist auch eine Beurteilung des „Faust," Briesw. S. 243—245: Sie zieht Calveron bei Weitem vor,.