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Zeitschrift für die Geschichte der Juden in Deutschland · 1887-01-01 · Heft 4 · p. Seite 347

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Journal
Zeitschrift für die Geschichte der Juden in Deutschland
Volume
1887
Issue
Heft 4
Article
Die Juden und die deutsche Literatur
Date
1887-01-01
Page
Seite 347 (sequence 27)
Language
German
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Ludwig Geiger, Die Juden und die deutsche Literatur. 347 Tnerisch-stammelnden Laute und seine freihekswüthigen Tiraden nirgends andächtiger nachgesprochen als bei denen, die der Freiheit am wenigsten theilhastig waren. Aber ihr Lieblingsschriftsteller war und blieb doch Lessing. ^) Am meisten wol in Berlin, wo einzelne hervorragende Juden mit ihm in persönlichem Verkehr gestanden hatten und auch die Anderen, denen dieses Glück nicht zu Theil geworden war, einen Abglanz seines Wesens zu spüren meinten. Zu dieser Begeisterung für Lessing steht in den ersten Jahrzehnten von Goethes schriftstellerischem Wirken die Kühle, mit der man den Erzeugnissen seines Genies gegenübertritt, in seltsamem Contrast. Die Schwärmerei für Lessings „Nathan" vertrug sich nicht mit der Begeisterung für „Iphigenie." Dazu kam, daß die tonangebenden Männer sich gleich beim Beginn von Goethes Schriftstellerlaufbahn gegen Goethe erklärt hatten. Die Abneigung Lessings gegen „Werthers Leiden," die bei ihm aus einer seltsamen Mischung persönlicher und ästhetischer Gründe hervorgegangen war, verschärfte sich bei Mendelssohn und verhärtete sich bei dessen Schülern. Ein merkwürdiges Beispiel dieser verjährten Abneigung, die nur langsam einer andern Ansicht weicht, bietet der schon erwähnte David Friedlaender. Zelter, der seinen Verkehr mit Goethe vermittelt hatte, gibt von dieser eigenthümlichen Gesinnung eine merkwürdige Schilderung. Er hatte ein Facsimile von Goethe erhalten und schreibt, nun darüber:^) „Leider habe ich mir das Blättchen vom alten Friedlaender abschwatzen lassen, wo es allerdings gut aufgehoben ist. Diesen alten Gesellen, muß ich Dir nur sagen, erziehe ich Dir von Grund auf. Er kannte, wie so mancher Andere seiner Lehrjahre, wenig mehr von Dir als den Werther, den er nie verstehen lernt. Nun werf' ich ihm, da er stets krank ist und stille sitzen muß, von Deinen Pillen eine nach der andern zu; die bleiben auf seiner redlichen Seele sitzen und nun nach so manchen Jahren sieht Dir der Kerl aus wie eine Türkische Weizenschote und sein Lessing ist ihm unverloren." Allmählich machte jedoch die Abneigung der Juden, insbesondere der Berliner Juden, gegen Goethe einer recht enthusiastischen Verehrung Platz. Dieser Umschwung hängt zusammen mit dem Umschwung der Ideen der Zeit überhaupt, welche der Aufklärung und deren Trägern mit Gleichgiltigteit, bald mit Verachtung begegneten, und die Vertreter der Classicität und der Romantik an deren Stelle setzten. Er wird aber hauptsächlich hervorgerufen durch drei Frauen, die alle drei literarisch gebildet an Goethes Dichtungen Gefallen, ja Entzücken fanden, durch ihre Freunde den tiefern Gehalt Goethescher Poesie und Goethescher Gedankenweisheit erkennen lernten und durch dieselben auch in persönliche Berührung mit dem Dichter kamen. „Den Lesfing hat doch jeder Jude," schreibt Rahel an David Veit (1795), Briefw. II, 112. Veit hatte aus einem neu erschienenen Briefwechsel Lesfings Aus- Züge für Rahel gemacht und dieselbe weist ihn mit obigen Worten auf das Über« flüssige seines Beginnens hin. -) Goethe-Zelterscher Briefwechsel IV, 109, 4. Dez. 1825. 23*

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