Zeitschrift für die Geschichte der Juden in Deutschland
- Journal
- Zeitschrift für die Geschichte der Juden in Deutschland
- Volume
- 1887
- Issue
- Heft 4
- Article
- Die Juden und die deutsche Literatur
- Date
- 1887-01-01
- Page
- Seite 346 (sequence 26)
- Language
- German
- Belongs to
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346 Ludwig Geiger, Die Juden und die deutsche Literatur. Bekundet diese eine Äußerung einen gewissen historischen und — wie die gesperrt gedruckte Stelle zeigt — auch eine Art prophetischen Sinn, so bekundet die andere, wenigstens theilweise, den humanen Sinn, der Goethes Wesen tief eingeprägt war. Gehört jene dem Gedankenkreise von „Dichtung und Wahrheit" an, so ist diese der Vorstellungsart des „Ewigen Juden" verwandt. Sie ist der großen Anrede Lenardos an die Fortwandernden entnommen und lautet folgendermaßen: „Was soll ich aber nun von dem Volke sagen, das den Segen des ewigen Manderns vor allen andern sich zueignet, und durch seine bewegliche Thätigkeit die Ruhenden zu überlisten und die Mitwandernden zu überschreiten versteht? Wir dürfen weder Gutes noch Böses von ihnen sprechen; nichts Gutes, weil sich unser Bund vor ihnen hütet; nichts Böses, weil der Wanderer jeden Begegnenden freundlich zu behandeln, wechselseitigen Vortheils eingedenk, verpflichtet ist." Sie klingt, wie ein Echo jenes Divangedichtes,^) das sich zwar nicht auf die Juden bezieht, das aber doch, wegen der Ähnlichkeit seiner Stimmung, als Parallele hier angezogen werden mag: Den Gruß des Unbekannten ehre ja! Er sei dir Werth als alten Freundes Gruß. Nach wenig Worten sagt ihr Lebewohl! Nach Osten du, er westwärts, Pfad an Pfad — Kreuzt euer Weg nach vielen Jahren draus Sich unerwartet, ruft ihr freudig aus: Er ist es! Ja da war's! Als hätte nicht So manche Tagefahrt zu Land und See, So manche Sonnenkehr sich dreingelegt. Nun tauschet Waar' um Waare, theilt Gewinn! Ein alt Vertrauen wirke neuen Bund — Der erste Gruß ist viele tausend Werth; Drum grüße freundlich jeden, der begrüßt. IV. Unter den hervorragenden deutschen Schriftstellern des 18. Jahrhunderts wendete sich das Interesse der jüdischen Leser besonders dreien zu, die nach Inhalt, Werth ihrer Arbeiten und schriftstellerischer Eigenart sattsam verschieden find: Geßner, Lessing, Schiller. Der Erstere, der ja auch Dank Rousseaus und Diderots Bemühungen den Borzug genoß, Liebling der Franzosen zu werden, verdankte seine Popularität der Einfachheit seiner Sprache, der Natürlichkeit seiner Bilder und dem Umstände, daß er theilweise biblische Gegenstände zur Behandlung gewählt. Schiller, obwol er es durch einzelne Äußerungen mit manchen Juden verdarb, war als Dichter der Freundschaft und Freiheit angestaunt und vielleicht wurden seine schwär-!) Wilh. Meisters Wanderjahre, 3. Buch 9. Capitel. 2) West-ostlicher Divan IV, 7, Hempelsche Ausg. eä. Locher Bd. IV, S.61fg.