Zeitschrift für die Geschichte der Juden in Deutschland
- Journal
- Zeitschrift für die Geschichte der Juden in Deutschland
- Volume
- 1887
- Issue
- Heft 4
- Article
- Die Juden und die deutsche Literatur
- Date
- 1887-01-01
- Page
- Seite 345 (sequence 25)
- Language
- German
- Belongs to
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Ludwig Geiger, Die Juden und die deutsche Literatur. 345 Phaenomen des Bestandes der Juden, ihrer eigenartigen Entwicklung ins Reine zu kommen. Der Grund dieser Umwandlung liegt eben wol darin, daß Goethe nun andere Vertreter der Juden kennen gelernt hatte. Statt der geschäftigen Händler, welche in Feilschen und Verkaufen ihren einzigen Lebenszweck suchten, waren ihm energische, geistig hochbegabte, des Enthusiasmus fähige Männer und Frauen begegnet. Erkannte er sie auch niemals völlig an, wurde er namentlich diesem ihrem idealen Zuge, der Begeisterungssähigkeit niemals gerecht, die sich vor Allem ihm selbst und seinen Werken gegenüber so mannigfach kundgab, so hütete er sich doch, wie bisher Juden und Schacherer beständig zusammenzuwerfen. Und was den Werth der Aussprüche erhöht, die diese veränderte Gesinnung bekunden: sie finden sich in solchen Schriften, in denen Goethe seine inhaltreichsten Sätze niederzulegen pflegte: in den „Sprüchen in Prosa" und in „Wilhelm Meisters Wanderjahren." Der Satz in den ersteren lautet so: „Jüdisches Wesen. Energie der Grund von Allem. Unmittelbaren Zweck. Keiner, auch nur der kleinste, geringste Jude, der nicht entschiedenes Bestreben verriethe, und zwar ein irdisches, zeitliches, augenblickliches. Judensprache hat etwas Pathetisches." ') Er ist, wie man sieht, ziemlich aphoristisch; es ließe sich denken, daß Goethe ihn zum Thema einer längeren Auseinandersetzung zu machen gedacht hatte. In den „Wanderjahren" kommt Goethe an zwei Stellen aus Juden zu sprechen. Die eine-) könnte man als einen Nachtrag der Stellen über biblische Geschichte, über Würdigung des Alten Testamentes bezeichnen, die sich in „Dichtung und Wahrheit" finden. Sie kommt in der Schilderung der „pädagogischen Provinz" vor, wird dem Ältesten in den Mund gelegt, der eine Erklärung und Rechtfertigung der in seiner großen Halle befindlichen Gemälde zu geben hat und lautet so: „Unter allen heidnischen Religionen, denn eine solche ist die israelitische gleichfalls, hat diese große Vorzüge, von denen ich nur einige erwähnen will. Vor dem ethnischen Richterstuhle, vor dem Richterstuhl des Gottes der Völker wird nicht gefragt, ob es die beste, die vortrefflichste Nation sei, sondern nur ob sie daure, ob sie sich erhalten habe. Das israelitische Volk hat niemals viel getaugt, wie es ihm seine Anführer, Richter, Vorsteher und Propheten tausendmal vorgeworfen haben, es besitzt wenig Tugenden und die meisten Fehler anderer Völker: aber an Selbstständigkeit, Festigkeit, Tapferkeit und wenn alles das nicht mehr gilt, an Zähheit sucht es seines Gleichen. Es ist das beharrlichste Volk der Erde; es ist, es war, es wird sein, um den Namen Jehovah durch alle Zeiten zu verherrlichen. Wir haben es daher als Musterbild ausgestellt, als Hauptbild, dem die andern nur zum Rahmen dienen." y Sprüche in Prosa Nr. 563. eä. Loeper, Berlin 1870, S. 119. In den Anmerkungen citirt Loeper eine Parallelstelle aus den „Noten und Abhandlungen zum Divan: „Die jüdische Religion wird immer einen gewissen starren Eigensinn, dabei aber auch freien Klugsinn und lebendige Thätigkeit verbreiten." 2) Wanderjahre, 2. Buch, Ans. des 2. Cap. Aus diese wie auf die folgende Stelle hat mich mein Freund M. Ehrlich aufmerksam gemacht. ZeiLschr. f d. Gesch. d. Juden i. Deutschl. 23