Zeitschrift für die Geschichte der Juden in Deutschland
- Journal
- Zeitschrift für die Geschichte der Juden in Deutschland
- Volume
- 1887
- Issue
- Heft 4
- Article
- Die Juden und die deutsche Literatur
- Date
- 1887-01-01
- Page
- Seite 343 (sequence 23)
- Language
- German
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Ludwig Geiger, Die Juden und die deutsche Literatur. 343 Äußerungen ohne bestimmte Färbung, aus denen eine Gesinnung des Dichters sich kaum ergibt. Es wäre nun doch seltsam, wenn Goethe, wie man aus der eben gebotenen Zusammenstellung glauben könnte, sich mit solchen Äußerungen begnügt hätte. Seltsam und, man möchte fast sagen, eines Geistes wie Goethe unwürdig, der sich doch sonst niemals begnügte, an der Oberfläche zu haften, vielmehr ein ausgesprochenes Talent besaß, in die Gegenstände einzudringen und auch Fernliegendes mit Scharfblick zu erfassen. Wirklich finden sich in Goethes Werken Stellen, die doch eine andere Art der Betrachtung zeigen. Zunächst aus der Jugendzeit: 1772 waren von vr. I. Behr^) „Gedichte eines polnischen Juden" erschienen. Goethe nahm sie zum Anlaß, um in den „Frankfurter gelehrten Anzeigen" einen begeisterten Anruf an den Genius der lyrischen Dichtung zu veröffentlichen, obgleich oder weil der Dichter nicht die Anforderungen befriedigt hatte, welche der Critiker an ihn zu stellen sich berechtigt glaubte. An zwei Stellen aber sprach sich Goethe über Glaubensgemeinschaft und Nationalität des jungen Dichters aus: „Zuförderst müssen wir versichern, daß die Aufschrist dieser Bogen einen sehr vorteilhaften Eindruck auf uns gemacht hat. Da tritt, dachten wir, ein feuriger Geist, ein fühlbares Herz, bis zum selbständigen Alter unter einem fremden rauhen Himmel aufgewachsen, aus einmal in unsere Welt. Was für Empfindungen werden sich in ihm regen, was für Bemerkungen wird er machen, er dem Alles neu ist?" Und dann: „Es ist recht löblich, ein polnischer Jude seyn, der Handelschaft entsagen, sich den Musen weihen, deutsch lernen, Liederchen ründen; wenn man aber in allem zusammen nicht mehr leistet, als ein christlicher Lwäiant eu Keiles lettres auch, so ist es, däucht uns, übel gethan, mit seiner Judenschaft ein Aufsehen zu machen." Merkwürdiger ist eine zweite Stelle der „Frankfurter gelehrten Anzeigen," dieses revolutionären, geistsprühenden literarischen Organs aus Goethes Jugendzeit. Freilich ist bei ihr Goethes Autorschaft nicht bezeugt — allerdings auch nicht die eines Andern —; und ich wage nicht den Versuch in der viel umstrittenen Frage der Autorschaft der einzelnen Recensionen das Wort zu ergreifen ^) und gerade eine theologische Recension Goethe zuzuweisen. Nur mag ein Hinweis darauf erlaubt sein, daß Goethe gerade damals in theologischen Dingen gern das Wort ergriff (vgl. oben S. 324) und daß, falls nicht davon die Rede sein könnte, Goethe als Verfasser der folgenden Beurtheilung anzunehmen, die Verbindung der Herausgeber, der Mitglieder der Societät überhaupt, oder jedenfalls der Redacteure so eng war, daß man das Aufgenommene als Ausdruck der Gesinnung Aller be- Vgl. über ihn die Notiz im Goethe-Jahrb. Bd. 8 (1887) S. 128. 2) Goethes Autorschaft bei dieser Recension ist durch Zeitgenossen mehrfach bezeugt, vgl. z.B. a. a. O. S. 125; Goethe nahm sie selbst in seine Werke aus, zuerst Ausg. l. Hand Bd. 33 S. 40 ff. (1830). 5) Die Frage ist zuletzt mit Gründlichkeit und Scharfsinn von Wilh. .Scherer untersucht worden in der vortrefflichen ausführlichen Einleitung (90 SS.) vor dem Neudruck der Ffter gel. Anz. v. 3- 1772, Heilbronn 1883 (Deutsche Litteraturdenkmale hgg. von B. Seuffert, Bd. 7 und 8). — Unsere Stellen in dem Neuvruck S. 209 und 461 fg.