Zeitschrift für die Geschichte der Juden in Deutschland
- Journal
- Zeitschrift für die Geschichte der Juden in Deutschland
- Volume
- 1887
- Issue
- Heft 4
- Article
- Die Juden und die deutsche Literatur
- Date
- 1887-01-01
- Page
- Seite 339 (sequence 19)
- Language
- German
- Belongs to
- article
- OCR quality
- 94% known words query
- IRI
…/2259275-2259313-2259318-2263433--0387-2263498- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
Mentioned entities
OCR text
Ludwig Geiger, Die Juden und die deutsche Literatur. 339 doch der Himmel nun Raum gebe, nach und nach das alles auszuarbeiten, was ich im Sinne habe. Es ist unglaublich, was mich diese acht Wochen auf Haupt- und Grundbegriffe des Lebens sowohl als der Kunst geführt haben." Auch eine Stelle in einem römischen Notizhest/) das der Herausgeber dieser Briefe zur Erklärung der Stelle herbeigezogen hat, ergibt die damalige Beschäftigung mit jenem Stoffe. Nun aber knüpfen seine Betrachtungen an das Papstthum, an den Vatikan an; die Jesuiten erregen ihn; es scheint — die abgerissenen Worte des Notizheftes lassen verschiedene Deutungen zu, — als wenn eine papstfeindliche Stimmung, die vor dem Betreten Roms dem Dichter fremd gewesen, nun ihn ergriffen, da er auf päpstlichem Boden weilte. Ob diese Stimmung sich zur Bearbeitung eines derartigen Stoffes besonders eignete? Und ob Goethe gerade einer solchen Stimmung wegen den Plan aufgab? Und als endlich (1814) aus verblaßter Erinnerung die Aufzeichnung des Planes in „Dichtung und Wahrheit" erfolgte, da wurde aus der Polemik gegen die Separatisten und aus dem Gegensatz zwischen Urchristenthum und christlich-päpstlicher Zeit, die Absicht, die „hervorstehenden Punkte der Religions- und Kirchengeschichte nach Befinden darzustellen." Drei Scenen deutet Goethe etwas genauer an: die eine, ein Gespräch des Judas, der eigentlich kein Verräther, sondern nur ein ungeschickter Politiker ist, mit dem Schuster, das den Selbstmord des Erstern zur Folge hat; die andere: die heftigen Vorwürfe des Schusters gegen den zum Tode geführten Jesus, und dessen, des Verklärten und Glorie Ausstrahlenden Wendung gegen den Ungeberdigen, mit den Worten: „Du wandelst auf Erden, bis Du mich in dieser Gestalt wieder erblickst;" endlich einen Besuch des ewigen Juden bei Spinoza, den Goethe sich „als ein werthes Ingrediens zu jenem Gedichte ausgedacht," aber leider nicht ausgeführt hatte. Das, was wir in diesem Zusammenhange eigentlich in dem Gedichte suchen: die Schilderung des Juden und des Judenthums, ist in den erhaltenen Fragmenten kaum gestreift. Von den vier Abschnitten, in welche der Stoff zerfällt; 3) letzte Begegnung des Ahasverus mit Christus, Wanderung des Juden, Christi Wiederkunst, Erlösung des Juden durch jene Wiederkunst, sind gerade der zweite und vierte kaum berührt. Nur zwei Stellen sind characteristisch. Die eine lautet: Es waren, die den Vater auch gekannt. Wo sind sie denn? ^) Eh, man hat sie verbrannt. Die Stelle (a. a. O. S. 396 — die eben mitgetheilte steht S. 196) lautet: „Ewiger I. P.VI. (Pius VI.) Schönster der Menschenkinder. Neid Will ihn einsperren, ihn nicht weglaßen wie ihn der Kayser Staatsgef. im Vatikan behalten, al 6esu Jesuiten Troß. Lob des ungerechten Haushalters." 2) vgl. die oben S. 338 A. 3 angeführte Stelle. H Nach Lochers Commentar, vgl. oben S. 338 A. 2. H Ich fasse die Stelle so auf, daß die Worte „Wo sind sie denn?" Rede des Priesters, die übrigen Gegenrede des Juden find, der den jüdischen Standpunkt damals noch vertritt. Düntzers Deutung (Erläuterungen zu Goethes Gedichten Bd. HI, S. 461, wiederholt Kürschners Dtsche National-Lit. Bd. 86, S. 156, angenommen durch v. Loeper a. a. O. S. 375) auf die Arianer kann ich nicht zugeben. Biehoff,