Zeitschrift für die Geschichte der Juden in Deutschland
- Journal
- Zeitschrift für die Geschichte der Juden in Deutschland
- Volume
- 1887
- Issue
- Heft 4
- Article
- Die Juden und die deutsche Literatur
- Date
- 1887-01-01
- Page
- Seite 338 (sequence 18)
- Language
- German
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338 Ludwig Geiger, Die Juden und die deutsche Literatur. Juden darzustellen und die bedeutenden Characterzüge der Judenheit, die er in den Sinn gesaßt, zur Darstellung zu bringen, wurde nicht ausgeführt. Auch das epische Werk, in welchem Juden und Judenthum eine poetische Betrachtung finden sollten, wurde nicht vollendet; von dem „ewigen Juden" sind vielmehr nur einige „Fetzen" gedichtet und veröffentlicht worden. Goethe selbst theilte sie nicht mit; noch 1830 in den „Annalen" rechnete er sie zu den nicht mittheilbaren Stücken, vermuthlich weil er befürchtete, 2) die Vermischung des Burlesken und Ernsten möchte als eine Profanation des Heiligen angesehen werden und Anstoß erregen; erst die Herausgeber des Nachlasses veröffentlichten sie 1836. Entstanden sind die Fragmente 1774, in Knittelversen gedichtet nach Hans Sachsischer Manier, in der Form, welche Goethe damals liebte und oft anwendete, in einem Geiste, der manchmal an den Faust gemahnt. Goethe sprach sich ausführlich über die Tendenz aus,^) aber freilich erst vierzig Jahre nach der Conception des Gedichts und der Ausführung der erhaltenen Fragmente (1814). In der ganzen Zwischenzeit hören wir nur noch einmal von dem Gedicht, nämlich während der italienischen Reise (1786). Ich glaube nicht zu irren, wenn ich annehme, daß in jeder dieser drei Zeiten die Idee, welche Goethe mit der Dichtung verfolgte, eine andere war. In der ersten war es der Unwille gegen die Separatisten, die Kirchlich-Überfrommen, zu denen Goethe unter dem Einflüsse seiner frommen Freundin, des Fräuleins von Klettenberg, sich eine Zeit lang gehalten hatte, gegen diejenigen Christen, die sich in ihrer Einfachheit und Ungeistlichkeit besser dünkten als die Geistlichen, die sich, als Träger einer besondern Offenbarung, rühmlicher vorkamen als die offiziellen Gottesdiener. Der Jerusalemische Schuster, eben der Ahasver, „der ewige Jude," ein Abbild des originellen Philosophen auf der Schusterbank, den Goethe in Dresden 1768 kennen gelernt hatte/) sollte als der Typus dieser unter dem Mantel der Bescheidenheit hochmüthigen Winkelphilosophen gezeichnet werden. Als Goethe dann 1786 zum zweiten Male dem Gedanken nahe trat, waren seine Anschauungen andere geworden. Was er in der gedruckten „italienischen Reise" von diesem dichterischen Plane sagt, steht an ungehöriger Stelle und überträgt spätere, römische Gedanken von der allmählichen Entartung des Christenthums auf die vorrömische Zeit. In den erst kürzlich bekannt gewordenen Originalbriefen Goethes aus Italiens heißt es: „Giredo, 22. Okt. Heute früh saß ich ganz still im Wagen und habe den Plan zu dem großen Gedicht der Ankunft des Herrn, oder dem ewigen Juden recht ausgedacht. Wenn mir Zuerst erschienen in der „Ausg. letzter Hand" Stuttg. 1830, Bd. 31, vgl. Hempelsche Ausg. XXVII, S. 4. 2) Worte G. v. Loepers in seinem vorzüglichen Commentar zu dem Gedichte, Werke, Hempel, 2. Ausg. II, 370—379. 3) D. u. W. 15. Buch, Hempelsche Ausg. XXII, 178—180 vgl. auch das. XXIII, 8 (16. Buch) 4) Über Datirung und Einzelnes dieser Dresdener Reise — freilich ohne Erwähnung des Schusters — s. Goethe-Jahrbuch VII, 114 fg. 145 fg. 5) Schriften der Goethe - Gesellschaft, hgg. von Erich Schmidt. 2. Band. Weimar 1886.