Zeitschrift für die Geschichte der Juden in Deutschland
- Journal
- Zeitschrift für die Geschichte der Juden in Deutschland
- Volume
- 1887
- Issue
- Heft 4
- Article
- Die Juden und die deutsche Literatur
- Date
- 1887-01-01
- Page
- Seite 335 (sequence 15)
- Language
- German
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Ludwig Geiger, Die Juden und die deutsche Literatur. 335 zu werden oder den Christen seines Jrrthums zu überführen;') Goethe erklärte später, daß ihm die heftige Zudringlichkeit, mit der Lavater aus Mendelssohn und Andere losging, „ärgerlich" war.-) Etwa ein Jahrzehnt später (1778) macht Goethe bei seinem Besuche Berlins Mendelssohns persönliche Bekanntschaft. Was bei diesem Zusammentreffen, das übrigens gut bezeugt ist, 5) verhandelt wurde, weiß man nicht; eine Intimität konnte sich aber bei Mendelssohns Stellung gegen „Werthers Leiden" und dessen Verfasser nicht bilden. Die Tendenz des Werther war Mendelssohn zuwider;^) das Wilde, Titanenhafte der jungen Stürmer und Dränger war den ernsten älteren Männern unangenehm. Lessings Abneigung gegen Goethes jugendliche Werkes wurde von Mendelssohn getheilt; er soll es gewesen sein, der C. F. Nicolai zu semer salzlosen Satire gegen Goethes Roman, zu den „Freuden des jungen Werther" veranlagte oder wenigstens in seinem Vorsatze bestärkt hatte. Deutet doch Goethe selbst an/) daß Nicolais Schrift in Mendelssohns Hause vorgelesen wurde und dort Beifall fand. Goethes Besuch bei Mendelssohn war daher nur eine Höflichkeitsform; die Wege beider Männer gingen auch ferner auseinander. Die Trennung Beider wurde dadurch noch tiefer und empfindlicher, daß zwei Freunde Goethes gegen Mendelssohn austraten. Zuerst Hamann, der Mendelssohns Schrift „Jerusalem," welche von Herder schön gewürdigt worden war/) bitter verspottete;6) Goethe ergötzte sich an dem Spotte dieses „einzigen Kopfes" und wollte Mendelssohns Schrift nochmals lesen, „um seinen Gegner besser zu verstehn."^) Sodann Jacobi, in der oben S. 334, A. 4 erwähnten Schrift. Goethe war mit der Tendenz dieser Schrift keineswegs einverstanden/") — war doch seine Beurtheilung Spinozas von derjenigen Jacobis sehr verschieden, aber daß Mendelssohn hier manchen Streich empfing, kümmerte ihn wenig. Ja er regte Jacobi zu weiterm Kampf gegen die „Morgenstunden" Mendelssohns an, die er sarcastisch genug characterisirte; Jacobi, der das Buch gleichfalls bitter verurtheilte, wollte jedoch von weiterm Kampfe nichts wissen.") Mendelssohn aber, dessen „Morgenstunden" ziemlich gleichzeitig mit Jacobis spinozistischen Briefen erschienen waren, hatte eine ') Der Kürze halber citire ich Kayserling, M. M. S. 184. y D. u. W. 14. Buch a. a. O. XXI, 15. 2) In einem Briefe der Karschin an Gleim, 18. Mai 1778, abgedruckt in Fielitz Ausgabe der Briefe Goethes an Frau v. Stein, Ffr. 1883, S.436: „Er machte keinem Dichter die Cour, ging nur bei Moses Mendelssohn" u. s. w. ^) Wir wissen dies z. B. durch ein ausdrückliches Zeugniß von Hennings. 2) Vgl. Erich Schmidt, Lessing, Berlin 1886, II, 1 S- 227 f. und W. v. Biedermann, Goethe-Forschungen II, Leipzig 1886, S. 216 ff. 6) In dem Dialog: „Anekdote zu den Freuden des jungen Werthers" in W. v. Biedermanns Goethe-Forschungen I, Fft. 1879, S. 203 vgl. S. 206. y Brief an Mendelss., Aus Herders Nachlaß Fft. 1857 II, 230. H „Golgatha und Scheblimini" 1784 vgl. I. Minor, I. G. Hamann, Fft. 1881, S. 63 fg. An Frau v. Stein (eä. Fielitz II, 216), Brief vom 17. Sept. 1784. Vgl. z. B. Goethes Briefw. mit F. H. Jacobi, Leipz. 1846, S. 85. 94 und Aus Herders Nachl. I, 84, 85. ") Briefw. mit Jacobi S. 95. 96 fg. 101.