Zeitschrift für die Geschichte der Juden in Deutschland
- Journal
- Zeitschrift für die Geschichte der Juden in Deutschland
- Volume
- 1887
- Issue
- Heft 4
- Article
- Die Juden und die deutsche Literatur
- Date
- 1887-01-01
- Page
- Seite 334 (sequence 14)
- Language
- German
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334 Ludwig Geiger, Die Juden und die deutsche Literatur. Anfang machte. In diesem Sinne rief er aus: „Wollen wir denn überall im Absurden vorausgehen, alles Fratzenhafte zuerst Probiren?" Und wie die Borgänge, die in der Geschichte der Juden eine bedeutsame Rolle spielen, Goethe nicht unbekannt blieben, so auch die Personen, die Marksteine in ihrer Entwicklung bilden. Sein Leben lang ist Goethe Anhänger des Spinoza gewesen. Nicht erst 1774 durch F. H. Jacobi, wie man durch Goethe selbst verführt lange annahm^), sondern schon 1773 durch den Gießener Professor Höpfner?) lernte er die Werke des großen Philosophen kennen, und wenn auch, wie B. Suphan scharfsinnig und kenntnißreich gezeigt hat,^) die gründliche Vertiefung in jene Philosophie erst 1783—1786 zumeist unter Herders Anregung beginnt, so darf man doch von einem lebenslänglichen Cultus sprechen, den Goethe dem holländischen Weisen zollte. Trotzdem führte die Beschäftigung mit den Werken eines jüdischen Philosophen Goethe durchaus nicht zur Betrachtung des Judenthums; nicht die Konfession, sondern der Character des Mannes, nicht dessen die Lehren des Judenthums streifende Schriften, sondern seine Ethik reizten ihn und erregten seine Bewunderung. In einer halb und halb wider Spinoza, hauptsächlich aber gegen Moses Mendelssohn gerichteten Schrift wird auch Goethe wie ein elastischer Zeuge ausgeführt; zwei seiner Gedichte: „Edel seider Mensch, hülsreich und gut" und „Prometheus" werden zum ersten Male abgedruckt. Ob Jacobi dies that, um Goethe als einen Gegner Mendelssohns zu bezeichnen? Goethe war dieses Hineinmengen nicht recht, er nennt die Schrift ein „metaphysisches Unwesen, wo er mich leider auch compromittirt."^) Denn absolut feindlich stand Goethe Mendelssohn durchaus nicht gegenüber. In der Erzählung seiner Jugendbildung nennt er ihn zwar nicht unter denen, die auf seine Entwicklung mächtig fördernd eingewirkt haben; aber er braucht doch bei der Schilderung der Popularphilosophen das Wort: „Mendelssohn, Garve traten auf und erregten allgemeine Theilnahme und Bewunderung." 6) In seiner Frankfurter Zeit beschäftigte er sich mit Mendelssohns „Phaedon," verglich dieses mit dem gleichnamigen platonischen Gespräch und stellte durchaus sachlich, ohne Voreingenommenheit gegen den modernen Weltweisen, die Abweichungen dieses von dem alten zusammen. ^) In dieselbe Zeit, wie diese Lectüre unv die Aufzeichnung über dieselbe fällt Lavaters Eindringen aus Mendelssohn und sein an ihn gestelltes Verlangen, Christ ') D. u. W. 14. Buch a. a. O. XXI, 168. Die Stelle enthält freilich keine bestimmte chronologische Angabe; Jacobi wird mehr als der Leitende, denn als der Einführende hingestellt. y Vgl. Goethes Brief an Höpfner 1773, G. I. VIN, 121 fg. 5) B.. Suphan: Goethe und Spinoza 1783-1786. Berlin, 1881. 4) „Über die Lehre des Spinoza in Briefen an den Herrn Moses Mendelssohn." Breslau 1785. Der Name des Verf. F. H. Jacobi steht nur unter dem Vorbericht. Vor diesem steht auf 4 unpagg. SS. mit Goethes Unterschrift das erste Gedicht, den Schluß, gleichfalls auf 4 unpagg. SS., aber ohne den Autornamen, macht „Prometheus." s) 18. Nov. 1785, Briefw. mit Knebel II, 71. «) D. u. W. 7. Buch a. a. O. II, 60. 22- ') Ephemeriden, Heilbronn 1883 S. 18