Zeitschrift für die Geschichte der Juden in Deutschland
- Journal
- Zeitschrift für die Geschichte der Juden in Deutschland
- Volume
- 1887
- Issue
- Heft 4
- Article
- Die Juden und die deutsche Literatur
- Date
- 1887-01-01
- Page
- Seite 333 (sequence 13)
- Language
- German
- Belongs to
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Ludwig Geiger, Die Juden und die deutsche Literatur. 333 Äußert sich über dieselben wie folgt (20. April) ^): „Es war mir sehr angenehm zu sehen, daß man den finanzgeheimräthlichen jacobinischen Jsraelssohn?) so tüchtig nach Hause geleuchtet hat. Können Sie mir den Verfasser der kleinen Schrift wohl nennen? Es sind treffliche einzelne Stellen darin, die in einem Plaidoyer von Beaumarchais wohl hätten Platz finden können. Leider ist das Ganze nicht rasch, kühn und lustig genug geschrieben, wie es hätte sein müssen, um jenen Humanitätssalbader vor der ganzen Welt ein für allemal lächerlich zu machen. Nun bitte ich aber noch um 5ie Judenstädügkeit selbst, damit ich ja nicht zu bitten und zu verlangen aufhöre." Auch dieser Wunsch wird erfüllt. Bettina läßt sich dabei die Gelegenheit nicht entgehen, für die Juden zu Plaidiren und besonders den Gedanken „ihres Molitor" gutzuheißen, Juden- und Christenkinder in eine Schule zu schicken. 2) Seitdem wird der Gegenstand von den Correspondenten verlassen; für Goethe war es eine Episode gewesen, an der sein Gemüth ganz unbetheiligt war; nur das Neue hatte sein augenblickliches Interesse erregt. Aber die Judenemancipation machte Fortschritte, trotz des Widerwillens der Vielvermögenden. Auch in Weimar werden den Juden manche Freiheiten gewährt. Das Judengesetz vom 20. Juni 1823 gestattete die Ehe zwischen Juden und Christen. Goethe drückte über dasselbe, wie Kanzler Müller berichtet 4), seinen leidenschaftlichen Zorn aus. Er ahndete die schlimmsten und grellsten Folgen davon, behauptete, wenn der Generalsuperintendent Character habe, müsse er lieber seine Stellung niederlegen, als eine Jüdin in der Kirche im Namen der heiligen Dreifaltigkeit trauen. Alle sittlichen Gefühle in den Familien, die doch durchaus auf den religiösen ruhten, würden durch ein solch scandalöses Gesetz untergraben." Besonders ungern sah er es, daß das weimarische Ländchen mit derartigen Institutionen den 1) Loeper 168, Briefw. m. e. K. S. 128. Bettina hat einen Dank „für die Hefte" zugesetzt und vor die gleich mitzuteilende Stelle die Worte gesetzt: „wir wollen uns abermals zu den Juden wenden, die jetzt in einem entscheidenden Moment zwischen Thür und Angel stecken und die Flügel schon sperren, noch ehe ihnen das Thor der Freiheit weit genug geöffnet ist," ein echt Bettinascher Satz, der aber zu den Äußerungen Goethes gar nicht paßt. 2) Jacobsohn, vgl. S. 332. Anm. 6. 2) Briefe m. e. K. S. 129 fg. (undatirt). Als ein kleiner Excurs mag folgende Betrachtung angefügt werden. Bettina schreibt in einem Briefe an Goethe, in welchem sie die Broschüren sendet, von dem Journal Sulamith: „Es enthält die verschiedensten Dinge kreuz und quer, besonders zeichnen sich die Oden, die sie dem Fürst Primas -widmen, darin aus; ein großes Gedicht, was sie ihm am Neujahrstage brachten, schickte er mir" u. s. w. Man könnte annehmen, daß diese Stelle noch Jahre bei Goethe nachgewirkt hat. Riemer, Briese von und an Goethe, desgl. Aphorismen und Brocardika (Leipzig 1846, S. 343) theilt zum I. 1811 einen Spruch Goethes mit: „Wer keine Liebe fühlt, muß schmeicheln lernen, sonst kommt er nicht aus" und fügt hinzu „bemerkte G., als vom Charakter der Juden die Rede war." Es wäre nicht unmöglich, daß Goethe dabei au jene Lobgedichte gedacht hätte, durch welche die Juden die Gunst des Fürsten Primas zn gewinnen und die gewonnene zu erhalten suchten. (Die Worte find dann in die „Sprüche in Prosa" aufgenommen worden, f. v. Loepers Ausgabe, Berlin 1870, S. 50, Nr. 189). 4) Goethes Unterhaltungen mit dem Kanzler Friedr. v. Müller. Hgg. von C. A. H. Burkhardt. Stuttg. 1870, S. 57.