Zeitschrift für die Geschichte der Juden in Deutschland
- Journal
- Zeitschrift für die Geschichte der Juden in Deutschland
- Volume
- 1887
- Issue
- Heft 4
- Article
- Die Juden und die deutsche Literatur
- Date
- 1887-01-01
- Page
- Seite 332 (sequence 12)
- Language
- German
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332 Ludwig Geiger, Die Juden und die deutsche Literatur. zeit in Betreff der Einmischung des Staates und der Einfügung dev Juden in den allgemeinen Cullurverband Gesetzeskraft erhielten.^) Ueber diese neue Ordnung berichtet Goethes Mutter an ihren Sohn.^) Goethe findet Interesse an der Angelegenheit und schreibt an Bettina (24. Febr. 1808): „Senden Sie mir doch gelegentlich die jüdischen Broschüren. Ich möchte doch sehen, wie sich die modernen Israeliten gegen die ueue Städtigkeit gebehrden, in der man sie freilich als wahre Juden und ehemalige kaiserliche Kammerknechte tractirt." ^) Einige Wochen später (30. März) erfüllt Bettina, die meldet, daß die Juden sie als „ihren Protector" bezeichnen, den von Goethe ausgesprochenen Wunsch und verspricht auch, die Zeitschrist Sulamith, die sie gleichfalls besitze, zu schicken.") Goethe dankt dafür (3. April) und fügt seinem Danke die Worte hinzu: „Es ist recht wunderlich, daß man eben zur Zeit, da so viele Menschen todtgeschlagen werden, die übrigen aufs beste und zierlichste auszuputzen sucht. Fahren Sie fort, mir von diesen heilsamen Anstalten/) als Beschützerin derselben mir (8ie) von Zeit zu Zeit Nachricht zu geben. Dem braunschweigischen Judenheiland 6) ziemt es wohl sein Volk anzusehen, wie es sein und werden sollte; dem Fürsten Primas ist aber auch nicht zu verdenken, daß er dies Geschlecht behandell wie es ist, und wie es noch eine Weile bleiben wird."^) In demselben Briefe bat Goethe um eine Schilderung Melitors, eines christlichen Philosophen (1779—1860), der später völlig auf kabbalistische Ideen gerieth, damals sich ganz in den Dienst philantropischer Gedanken gestellt hattet) Bettina erfüllte die Bitte und berichtet von ihm: „Dieser Edle ist der Meinung, daß da er einen Leib für die Juden zu opfern habe, und einen Geist ihnen zu widmen, beide auch recht nützlich anzuwenden."^) Bettina muß mit diesem Briefe neue Brochüren geschickt haben, denn Goethe ') Neue Stättigkeits- und Schutzordnung der Iudenfchaft zu Frankfurt am Main, deren Verfassung, Verwaltung, Rechte und Verbindlichkeiten betreffend, wie solche von Seiner jetzt glorreich regierenden Hoheit des souveränen Fürsten Primas der Rheinischen Couföderation festgesetzt und sancrionirt worden ist. Mit höchstem Berboth alles Nachdrucks. Fkft. a/M. gedruckt bei Barrentrapp und Wenner 1808. 40 SS. in 4».-Das Gesetz ist in 152 §§ getheilt und zersällt in folgende Abschnitte: 1. Religion und kirchlicher Zustand, 2. Unterricht und Schulen, 3. Gemein dsverhältnifse der Juden, 4. Wohnung, Gewerbe, Handlung, 5. Betragen der Juden in Hin^ ficht der christlichen Einwohner und dieser gegen jene. Ueber die einzelnen Bestimmungen des Gesetzes vgl. unten Excurs 4. 2) Dies erfahren wir aus einem Briefe Bettinens an Goethe 17. Nov. 1807 (Briefwechsel mit e. Kinde, hgg. von H. Grimm, 3. Aufl. Berlin 1881 S. 110.) 2) Die Stelle nach dem Originale abgedruckt in v. Loeper: Briefe Goethes an Sophie von La Roche und Bettina Brentano,,,Berlin 1879 S. 162, wörtlich gleichlautend, nur „gelegentlich" ausgelassen in: Briefw. mit e. Kinde S. III. Das Datum 24. Febr. 1808 hat Bettina in 2. Jan. verwandelt, vermuthlich um die Zeit, zwischen ihrem Briefe und der erhaltenen Antwort zu verkürzen. 4) Briefw. mit e. Kinde S. 122. 5) Das Philantropinum in Frankfurt und die übrigen damals dort begründeten, und geplanten Erziehungsinstitute. e) Israel Jacobsohn und die gleich zu erwähnende Schrift, vgl. unten Exeurs 4^ y Bei v. Loeper S. 164, gleichlautend im Briefw. m. e. K. S. 124. 5) Allg. deutsche Biogr. Bd. XXII, S. 108-110. s) Undatirt, Briefw. m. e. K. S. 126.