Zeitschrift für die Geschichte der Juden in Deutschland
- Journal
- Zeitschrift für die Geschichte der Juden in Deutschland
- Volume
- 1887
- Issue
- Heft 4
- Article
- Die Juden und die deutsche Literatur
- Date
- 1887-01-01
- Page
- Seite 328 (sequence 8)
- Language
- German
- Belongs to
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328 Ludwig Geiger, Die Juden und die deutsche Literatur. Ephraim, der Veranlassung zu dem Gedanken gab, einen Juden in dem Roman anzubringen — ein Gedanke, der übrigens nicht ausgeführt worden ist — lohnt eine kurze Betrachtung. Man kann zwischen zwei Trägern dieses Namens schwanken. Der Eine ist der berühmte oder berüchtigte Münzunternehmer Friedrichs d. Gr., Beitel Heine Ephraim;') der Andere dessen Sohn, der Geh. R. B. V. Ephraim. Was der Erstere damals in Weimar gethan haben soll, vermag ich nicht anzugeben; eine interessante Persönlichkeit war auch er: ein reicher, mannigfach thätiger Mann, der in mancher Beziehung eine fürstengleiche Stellung einnahm, ein Kaufmann, der wenig wählerisch in seinen Mitteln, Provinzen ausgesogen und Taufende zu Grunde gerichtet hatte. Vermutlich ist aber unter „Ephraim" der Andere gemeint, ein politischer Agent, im Anfange des 19. Jahrhunderts als Franzosenfreund bekannt und berüchtigt. 2) Er hatte merkwürdige Schicksale durchzumachen, wurde mehrmals verhaftet und hat die Geschichte seiner zweiten Verhaftung und eine Art von Rechtfertigung seines Verfahrens und Darstellung seiner Schicksale geschrieben.^ Der zweite ist David Veit (1771—1814). Er war ein Mensch von ausgezeichneten Gaben, tüchtig als Arzt und Philosoph, ein origineller Denker. Mit einer Empfehlung von K. PH. Moritz ausgerüstet kam er 1793 nach Weimar, sah und sprach Goethe. Er hat uns über diese erste Zusammenkunst und mehrere spätere in Jena und Carlsbad ausführliche Berichte hinterlassend) Er besitzt eine bedeutende Kenntniß von Goethes Leben und Schriften; er weiß Einzelheiten, welche die neuere Forschung nachdrücklich wieder hervorgehoben hat, z. B. daß Goethes Lied „Nähe des Geliebten" („Ich denke Dein") die Umarbeitung eines Liedes der Friederike Brun ist, daß Goethe bei seinem Reineke Fuchs die Gottschedsche Übersetzung benutzt und manche Zusätze eingefügt hat.^) Er vertieft sich mit Aufmerksamkeit in die Lectüre von Goethes Schriften, er citirt gern aus ihnen, spielt auf Stellen an, die ihm besonders gefallen, geht auf jedes neu erscheinende Horen-Heft ein und theilt auch aus älteren Sachen z. B. den Blättern von deutscher Art und Kunst Auszüge mit; „Stellen aus Goethe und Lessing weiß ich alle auswendig" schreibt er einmal. Er will Goethe nicht critisiren, sondern bewundern und seine Bewunderung entlockt ihm einmal den Ausruf: „Vor hundert Jahren wurden solche Menschen mit Strahlen um das Haupt gemalt und ist er denn nicht ein Heiliger Vgl. meine Gesch. d. Juden in Berlin I, 81. 99 II, 130 fg. 140-144; F. Meyer, Berühmte Männer Berlins und ihre Wohnstätten (Berlin 1876) II, S. 109—131 bietet sehr wenig Neues. 2) Vgl. Einzelnes bei Ranke, Denkwürdigkeiten des Staatskanzlers Fürsten 5. Hardenberg (Leipz. 1877) II, 293. 299. 357. IV, 271. An der erstangeführten Stelle heißt es: „Ephraim, der Jude, dessen ich schon oben gedachte;" doch vermag ich nicht anzugeben, worauf diese Stelle verweist. 3) Vgl. Excurs 3. H Briefwechsel zwischen Rahel und David Veit. 2 Bände. Leipzig 1861.1,243 ff. 247 fg. 255.271. II, 143,167. Einzelne Stellen aus diesen Berichten find dadurch allgemein bekannt geworden, daß I. Frese sie in dem Anhange seiner Uebersetzung von Lewes Goethes Leben aufgenommen hat. Vgl. z. B. 10. Aufl. Berlin 1875, II, 562—568. b) Rahel-Beit II, 96 fg. 143. 156. y a. a. O. I, 254, 255.