Zeitschrift für die Geschichte der Juden in Deutschland
- Journal
- Zeitschrift für die Geschichte der Juden in Deutschland
- Volume
- 1887
- Issue
- Heft 4
- Article
- Die Juden und die deutsche Literatur
- Date
- 1887-01-01
- Page
- Seite 323 (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
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Ludwig Geiger, Die Juden und die deutsche Literatur. 323 jenes Idioms verräth.^) Die s. g. Predigt selbst, von der ich nicht sagen kann, ob sie Goethes eigner Erfindung entstammt, ist ein boshafter Scherz: In 300000 Jahren werde der Messias über das rothe Meer kommen, durch den Klang einer Posaune die Juden versammeln; alle, so viele ihrer auch seien, werden aus dem einen Schimmel des Messias Platz haben und heil über das rothe Meer kommen, die Christen aber, welche sich aus Hohn auf den Schwanz gesetzt, werden im Meere ertrinken. Um Judendeutsch richtig zu lernen, wandte sich Goethe dem Hebräischen zu. Ueber sein Erlernen dieser Sprache und seinen Lehrmeister, den freigeistigen originellen Rector Albrecht, hat Goethe selbst ausführlich berichtet.^) Obwol der Weg, den er einschlug, nicht eben der angemessene war, um den Werth der Sprache der Bibel richtig zu würdigen, lernte Goethe doch allmählich ihren Werth erkennen und behielt die Schätzung derselben für sein Leben bei. Man hat neuerdings in feinster Weise daraus hingewiesen, wie Goethe die Sprache der Bibel in seinen Werken benutztes) auch daß Goethe das alte Testament schätzte, ist mehrfach gezeigt worden.*) Trotzdem bediente sich Goethe nicht, obwol man es nach seinen Erzählungen glauben könnte, bei seinen Citaten und Studien der Bibel im Urtext, sondern einer deutschen Übersetzung, des s. g. englischen Bibelwerkes; 2) und selbst seine eigene Übertragung des Hohen Liedes, die noch der vorweimarischen Zeit angehört, schließt sich außer dem hebräischen Texte auch jenem Bibelwerke an.«) Die Hinneigung zum alten Testamente zeigt sich aber am Deutlichsten in der Behandlung alttestamentlicher Stoffe. Schon aus „Dichtung und Wahrheit" wußte man, daß Goethe die Geschichte Josephs als Heldengedicht in Prosa zu bearbeiten versuchte (1762^); noch einige Jahre früher 1) Gedruckt in der Sammlung „Der junge Goethe," Leipzig 1875, I. 149 fg. Nochmals veröffentlicht als „ungedruckt" Gegenwart 1885 Nr. 17, vgl. Goethe- Jahrbuch VI, 393. 2) D. u. W. a. a. O. S. 116 ff. 2) Victor Hehn: Goethe und die Sprache der Bibel. G. I. Bd. VIII, (1887) S. 182-202. Ziemlich: Goethe und das Alte Testament. Nürnberg 1883. Vgl. G. I. V, 416 fg. Die zahlreichen gerade in letzter Zeit sich unendlich mehrenden Aufsätze, ja Bücher über Goethes Stellung zur Theologie und Religion können hier nicht erwähnt werden. Meist sind es bloße Zusammenstellungen oder öde Wiederholungen oder tendenziöse Pamphlete. Auch über die oft angezogene Parallele: Hiob und Faust ist nicht viel Gutes zu sagen; ein Körnchen Wahrheit ist hier zu einem großen Haufen aufgeblasen worden. 2) Es ist das in 19 Quartbänden Leipzig 1749—1770 von deutschen Gelehrten „aus den auserlesensten Anmerkungen verschiedener Engländischer Schriftsteller zusammengetragene" Bibelwerk. y Dies hat B. Badt erwiesen, in der G. I. III, 411 analysirten Abhandlung. — Die Übersetzung ist zuerst durch G. v. Loeper mitgetheilt worden in den' Briefen Goethes an Sophie von La Roche Berlin 1879, S. 125—145. ') D. u. W. a. a. O. S. 131, vgl. dazu v. Loepers Anmerkungen S. 281 und 333. Goethe sagt an der genannten Stelle, das Werk sei durch Mosers „Daniel in der Löwengrube" angeregt worden. Letzteres ist aber erst 1763 erschienen; Goethe verweist dagegen (Brief aus Leipzig, 11. Mai 1767, G. I. VN, S. 56) ausdrücklich auf das Jahr 1762; (das. S. 73, 11. Okt. 1767, freilich auf 1763).