Zeitschrift für die Geschichte der Juden in Deutschland
- Journal
- Zeitschrift für die Geschichte der Juden in Deutschland
- Volume
- 1887
- Issue
- Heft 4
- Article
- Die Juden und die deutsche Literatur
- Date
- 1887-01-01
- Page
- Seite 322 (sequence 2)
- Language
- German
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322 Ludwig Geiger, Die Juden und die deutsche Literatur. sehen und Einzelne kennen zu lernen; er ruhte bei seinem schon in der Jugend regen Wissenstriebe nicht, bis er ihre Gebräuche erkundet, von ihrer Literatur und ihrer Sprache eine ungefähre Kenntniß erlangt hatte. Er ging in die Judengasse und empfing den unangenehmsten Eindruck „und kehrte nicht leicht wieder dahin zurück, wenn er einmal den Zudringlichkeiten so vieler etwas zu schachern unermüdet harrender oder anbietender Menschen entgangen war/") Er sah gern die hübschen Judenmädchen spazieren gehen. Er wohnte, auf Empfehlung angesehener Personen einer Beschneidung, einer Hochzeit, der Feier des Laubhüttenfestes bei. Er kennt einzelne Ceremonieen. Er leistete bei einem Brande in der Judengasse hilfreiche Hand und wußte „durch mäßiges Zureden und rednerische Strafworte" armselige Flüchtende zu befreien, die von muthwilligen Knaben gepeinigt wurden. Alte Bilder, die der Juden Grausamkeit gegen die Christen darstellten, schwebten düster vor dem kindlichen Gemüthe, öffentliche Schandbilder nahmen wider sie ein. 2) Bei der Abgeschlossenheit der Stände und Gesellschaftskreise im vorigen Jahrhunderte ist kaum anzunehmen, daß persönliche Berührungen Goethes mit Juden stattgefunden haben; unter den bekannten Namen der Jugendfreunde findet sich kein jüdischer. Dennoch möchte man zu einer derartigen Annahme geneigt sein, da Goethe sich mit dem Judendeutsch beschäftigte, das er später „barock" nannte und als „verdorbene und verzerrte" Sprache bezeichnete. Es figurirt in Goethes siebensprachigem Roman, in welchem sieben Brüder in ebensoviel Sprachen correspondirten; „der jüngste eine Art von naseweisem Nestquackelchem" hatte sich diese Sprache auserwählt, s) Aus derselben Zeit, aus welcher dieser Roman stammt, ^) von dem übrigens bisher kein Fragment bekannt geworden ist,^) stammt aber auch eine „Judenpredigt," die ganz hübsche Kennwisse „Dichtung und Wahrheit" 1. Theil, 4. Buch. Werke, Hempelsche Ausgabe XXI 139 fg. Vgl. Excurs 1. Brand in der Judengasse D. u. W. 4. Theil 16. Bnch. a. a. O. XXII112 fg. und v. Loepers Anmerkungen S. 144 fg. Der Brand brach aus in der Nacht vom 28. auf den 29. Mai 1774; einer der in der Folge des Brandes flüchtenden Juden, Seelig Haas, war Goethes Client. Ueber die Bilder Näheres a. a. O. XXI S. 340 fg. a. a. O. S. 116. 4) Goethes „biographisches Schema," oft gedruckt, z. B. meine Goetheausgabe, Berlin 1883, IX, S. XI setzt den Roman in mehreren Sprachen, von denen „Judendeutsch" ausdrücklich erwähnt wird, irrthümlich ins Jahr 1750, v. Loeper (Hempel XXI, 323) vermuthet 1760; man darf wol 1758 annehmen, in welches Jahr die Beschäftigung mit der Messiade und mit biblischen Dingen gehört (vgl. biogr. Schema a. a. O. S. XII), und in welches ferner eine zwar nicht datirte, aber mit ziemlicher Sicherheit dem Jahre 1758 zuzuweisende judendeutsche Probe von Goethes ladorsZ juveniles führt (Weismann, aus Goethes Knabenzeit S. 69; es ist eine „Anweisung zur teutsch-hebräifchen Sprache.") 2) Das „Bruchstück eines Romans in Briefen" bei Schöll, Briefe und Aufsätze von Goethe, Weimar 1846, S. 20 ff. ist etwas wesentlich anderes aus späterer Zeit.