Zeitschrift für die Geschichte der Juden in Deutschland
- Journal
- Zeitschrift für die Geschichte der Juden in Deutschland
- Volume
- 1887
- Issue
- Heft 4
- Article
- Zur Geschichte der Juden in Österreich
- Date
- 1887-01-01
- Page
- Seite 310 (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
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310 G. Wolf, Zur Geschichte der Juden in Österreich. Gemeinde — «p^vc. und bis auf den heutigen Tag wird der Präses der Gemeinde Rosch hakahal — das Haupt der Gemeinde und die andern Mitglieder des Borstandes tube hakahal genannt), so kamen anderseits Eitelkeit, Ehrgeiz mit ins Spiel und diese machten sich um so mehr geltend, da die Juden nach dieser Richtung hin außerhalb des Ghetto keine Befriedigung fanden. Es entstanden daher bei der Einsetzung des Borstandes öfters große Streitigkeiten, die zu Processen führten, welche bei den weltlichen Gerichten ausgetragen wurden. Diese Kehille(Gemeinde)streitigkeiten, die heute noch so sehr im Schwünge sind, datiren nicht aus neuester Zeit; sie waren auch früher vorhanden und nur der Gegenstand des Streites hat gewechselt. Es gab früher keinen Kampf um Reform oder Orthodoxie, um diese oder jene Liturgie, aber streit und Hader war in Uebermaß vorhanden. Dieser Streit war um so intensiver , da es sich auch um Geldangelegenheiten, Steuern :c. handelte, bei welchen die Gemütlichlichkeit überhaupt nicht vorhanden ist. Die Juden in Prag standen unter der böhmischen Kammer, da sie eben ausschließlich als Sache des Fiscus betrachtet wurden. Im 16. Jahrhundert (ich kann das Datum nicht angeben, da das Actenstück nicht vorhanden ist), wurden sie den Landesofsicieren unterstellt. Diese Landesosficiere waren: der oberste Burggraf von Prag, der Oberstkämmerer, der Oberstlandrichter und der Oberstlandschreiber. Es waren dies königliche, respective kaiserliche Beamte. Es war dieser Wechsel für die Juden günstig, denn unter königlicher Oberhoheit waren sie verhältnismäßig weniger der Willkür, Aussaugung und Bedrückung preisgegeben, als unter dem Schutze des Landes. Andererseits war es für den Landesherrn materiell lohnender, wenn die Juden direct unter seinem Schutze standen. Zank und Streit nahmen im Laufe der Zeit immer mehr zu und unter den Juden selbst scheint niemand genug Ansehen besessen zu haben, um ihn zu schlichten. Am 28. Juli 1567 machten hieraus die Kammerräte in Böhmen die Anzeige, daß große Unordnung unter den Juden in Böhmen sei und daß sie nicht wüßten „wohin sh Iren Respect vnd Aufsehen haben sollen, vnd geht vnder Inen also vnordentlich zu, das vast keiner auf den andern nichts gibt." Sie stellten daher den Antrag, daß die Juden wiederum der Kammer unterstellt, oder anderswohin ihren Respect haben sollen. Dieser Antrag blieb ohne Erledigung. Im Jahre 1570 handelte es sich darum ein Anlehen mit den Juden zu negociren uud die Kammer wurde mit diesem Geschäfte beauftragt. Diese lehnte es jedoch ab, indem sie meinte, die Juden seien schon seit längerer Zeit ihr nicht mehr untergeordnet und würden die Landesofficiere besser in der Lage sein dem Wunsche des Kaisers zu entsprechen. Während jedoch die Kammer es ablehnte mit den Juden wegen eines Anlehens zu unterhandeln, hatte sie thatsächlich die Ältesten der Juden in Prag eingesetzt und in solcher Weise eine weitgehende Ingerenz ausgeübt. Hierauf wendete sich der Burggraf von Karlstein Martinic und der könig- 2) Das archivalische Material, das wir hier benutzen, befindet sich ausschließlich im Archive des Reichsfinanzministeriums, der ehemaligen Hofkammer.