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Zeitschrift für die Geschichte der Juden in Deutschland · 1887-01-01 · Heft 3 · p. Seite 268

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Journal
Zeitschrift für die Geschichte der Juden in Deutschland
Volume
1887
Issue
Heft 3
Article
Ein Brief Moses Mendessohns und sechs Briefe David Friedländers
Date
1887-01-01
Page
Seite 268 (sequence 16)
Language
German
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268 Ludwig Geiger, Ein Brief Moses Mendelssohns in sechs Monaten nicht ein „Frecher", ein Abtrünniger, ein Spötter wird, und das soll ich über mich nehmen? Mein Freund Reb Meier soll sagen: Ich habe geglaubt, daß mein Freund R. David wird sür ihn sorgen, daß „Gottesfurcht sein Schatz" werden soll und nun, was ist aus meinem Kind geworden? „Man möchte es nicht gedenken." Und endlich: was soll er in einem Institut lernen, was er nicht ebenso gut in Glogau auf Ihren christlichen Schulen lernen kann? Die Proben, die Sie mir von seinem Schreiben eingeschickt haben, sind freilich nicht fehlerfrei, aber doch so ziemlich. Lassen Sie ihn immer in Glogau, nehmen Sie einen Candidaten und lassen ihn in Orthographie und Französisch unterrichten. Wenn er noch nicht älter als zwölf Jahre ist, so kann er immer noch ein paar Jahre mit Nutzen in seiner Vaterstadt zubringen und unter Ihren Augen gut und fromm erzogen werden. Dem Freidenken wird er freilich nicht entgehen; denn ich wiederhole Ihnen, unsere „traditionellen Gesetze" passen so wenig auf unsere jetzigen Zeiten, Sitten und Freiheiten, die wir genießen, daß nach meiner Meinung in zehn Jahren eine Revolution in religiöser Hinsicht unter den Juden durchaus vorgehen muß. Wir können uns nicht mehr erhalten: Der Talmud wird nicht gelernt, Jeschiboth haben wir nicht mehr, unsere Rabbinen sind „Gott Lob", ohne Macht und Kraft; und in zehn Jahren wird in Berlin Niemand mehr wissen, was das für ein Ding ist: „Chomez, das über Peßach hinaus liegengeblieben ist", oder was „eine angewachsene Lunge" ist und Ähnliches zu Hunderten und Tausenden. Was in Berlin in zehn Jahren geschieht, muß in Glogau in fünfzehn statthaben, und in Breslau und in Königsberg und in Hamburg und in Amsterdam. „Genug davon." Wie oft habe ich Ihnen gesagt, theurer Freund, unsere Rabbinen leben noch im zwölften Jahrhundert, wissen nicht und wollen nicht wissen, was mit ihnen und neben ihnen vorgeht. Alle Völker reißen ein, bauen schöner aus, wir machen „um Alles Zäune, bis kein Ort übrig bleibt, bis das Schwein vom Walde es auffrißt. Genug dem Verständigen." Auch die neuesten politischen Revolutionen haben auf die religiöse Stimmung einen außerordentlichen Einfluß gehabt und jedes Kind, möchte ich beinahe sagen, urtheilt über gewisse Dinge gescheuter und richtiger, als mancher Graubart, als „ein Esel, der Geräthe trägt." Nein, mein theurer Freund wollen Sie, daß Ihr Kind ein frommer choschiver Jehude bleiben soll, so behalten Sie ihn ja in Glogau, wollen Sie ihn aber zum Weltbürger erziehen, fürchten Sie seine Freidenkerei nicht, und glauben Sie, daß an dem Äußeren nichts gelegen sei, wenn man nur ein guter, moralisch gesinnter Mensch ist, dann schicken Sie ihn in Gottes Namen her. Aber dann kein Rabbiner, kein „Wort Gottes und seine Lehre". Diese Wörter in deutsche Sprache übersetzt, geben keinen deutlichen Sinn und haben vielleicht gar keinen. David Friedländer.

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