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Zeitschrift für die Geschichte der Juden in Deutschland · 1887-01-01 · Heft 3 · p. Seite 267

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Journal
Zeitschrift für die Geschichte der Juden in Deutschland
Volume
1887
Issue
Heft 3
Article
Ein Brief Moses Mendessohns und sechs Briefe David Friedländers
Date
1887-01-01
Page
Seite 267 (sequence 15)
Language
German
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und sechs Briefe David Friedländers. 267 andern solchen Lehrer einen schönen halben Tag zubringen soll und Nachmittag soll er in einer christlichen Schule sein. Das geht nicht. In einer jeden dieser Anstalten wird ein ganz anderer, ein ganz verschiedener, ein ganz entgegengesetzter Mensch erzogen. Vormittags soll er in eine Welt verrückt werden, wo Alles anders aussieht, als in der wirklichen, worin er lebt, wo man anders spricht, anders handelt, anders sich unterhält und mit ganz anderen Dingen sich beschäftigt, als in der Welt von Nachmittag. Vormittags soll er über die Christen weinen und schreien, soll er sagen: „Schaue vom Himmel, und siehe! denn wir sind zum Spott geworden unter den Völkern, werden geachtet wie das Schaf, das zur Schlachtbank geführt wird, zum T'ödten und Bertilgen, zum Schlagen und zur Schande"; und Nachmittags soll er lernen, daß wir unter einer weisen Regierung leben, wo vor dem Gesetze Alles gleich ist, wo der niedrigste Handwerker mit dem Fürsten gleiche Rechte hat, und nicht unterdrückt werden darf. Vormittags soll er lernen, wie der Din ist, wenn er „verhärtetes Gesäuertes" am Passah gefunden hat, und wie man diese Sünde vor Gott wieder gut machen kann, und Nachmittags soll er lernen, daß alle diese Gesetze Ausgeburten eines verbrannten Gehirns sind, über die der besser unterrichtete Mensch lächelt, wo nicht sich ärgert, und daß man sich nur dadurch Gott wohlgefällig machen kann, wenn man seinen Geist aufklärt und seinen Nebenmenschen mit allen Kräften dient. Wem soll nun der junge Mensch folgen, welcher Lehre Beifall geben, welchem Unterricht soll er Zeit und Kräfte widmen? Siesehen, l. Freund, aus den paar Beispielen, die ich mit vielen tausend vermehren könnte, daß Sie eins von beiden wählen müssen. Entweder Sie müssen Ihr Kind zum Bocher erziehen lassen, d. h. Sie müssen ihn bei dem Glauben erziehen lassen, daß wir „ein ausgewähltes Volk" sind, und daß unser Studium soweit über alle abendländische Kenntnisse erhaben ist, wie „der Himmel erhaben über die Erde", und daß man kein deutsches Buch in die Hände nehmen darf; oder Sie müssen ihn ganz zu dieser Welt erziehen, und ihn in völliger Unwissenheit lassen, ob „die Tochter eines Cohen, welche gebuhlt hat, gesteinigt oder verbrannt wird". Wenn er nach Ihrer Meinung erzogen werden soll, so wäre es ebensogut, Sie ließen ihm den einen Fuß mit Stiesel und Sporen, den andern mit einem Tanzschuh bekleiden, er wird weder reiten noch tanzen lernen. Aber gesetzt auch, Sie gäben darin nach, und ließen ihn keine Gemarah und Toßfoß lernen, aber doch Chumesch und Schulchan Aruch; soll ich Ihnen sagen, was aus Ihrem Kind in sechs Monaten geworden ist? Erstens ein Amhorez (Unwissender), denn mit Schulchan Aruch gibt sich ein Meier ben Simche nicht ab; zweitens ein Lez (Spötter), denn das liegt im Geiste der Zeit: So bald die Juden nicht mehr in der Judengasse wohnen, wo ihnen der Cantor die Oper und ein „Malchußcho" eine Bravourarie vertritt; sobald die Juden zerstreut unter den Völkern wohnen, die Freiheit haben, in die Komödie und auf die Wachiparade zn gehn, alsobald wird ihnen unsre Manier zu sprechen, uns zu kleiden, „Tefiloh" zu thun, und alle die „traditionellen Gebote" lästig und lächerlich erscheinen. Ich vermag Ihnen nicht zu verbürgen, daß Ihr gut choschiv Glogauer Jüngelchen,

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