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Zeitschrift für die Geschichte der Juden in Deutschland · 1887-01-01 · Heft 3 · p. Seite 260

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Journal
Zeitschrift für die Geschichte der Juden in Deutschland
Volume
1887
Issue
Heft 3
Article
Ein Brief Moses Mendessohns und sechs Briefe David Friedländers
Date
1887-01-01
Page
Seite 260 (sequence 8)
Language
German
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260 Ludwig Geiger, Ein Brief Moses Mendelssohns Dagegen werden Sie vermuthlich nichts einzuwenden haben, mehr vielleicht gegen das Folgende. Von jeher hat es unter den Menschen zwei Hauptshsteme gegeben: das Volkssystem und das philosophische. Jenes gehört dem großen Haufen an und wurde von den Theologen aller Völker als Regel der Wahrheit gelehrt und vertheidigt; dieses war das System einiger weniger Köpfe, die sich durch vorzüglichen Verstand unterschieden. Bald verdrängten sie das alte System, stifteten eine neue Religion, die mehr Philosophie enthielt als jene; bald waren sie die Lehrer und Aufklärer der Menschen und ließen das System als System unangetastet; bald — und das war bei weitem die größere Zahl — nahmen sie ihre besseren Begriffe mit sich ins Grab, um nicht gesteinigt zu werden, und also das Leben früher zu verlieren, als die Natur es wollte. Je unentwickelter der Menschenverstand ist, je mehr herrscht die Einbildungskrast in ihren Begriffen von Gott, Welt, Menschen und anderen Wesen der Art. Aber immer werden Klima, Beschaffenheit des Wohnorts, Verfassung und tausend andere Umstände diese Begriffe theils ähnlich, theils unähnlich machen. In allen Volkssystemen hat Gott einen prächtigen Hofstaat, überall thront er hoch im Himmel, fährt auf Donner und Blitz, und himmlische, überirdische Wesen sind seine Diener. In Arabien ist aber der Himmel voll Schatten, frischer Quellen, schöner Mädchen und gewürzhaster Gerüche; der Grönländer kennt diesen Himmel nicht: seiner ist voll Seehunde. Der Grieche stellt sich seinen Gott als einen schönen nervigen Mann in seinen besten Jahren vor (Jupiter); dem Tartaren im asiatischen Gebirge ist er ein Greis mit langem Bart, und hat die Uniform eines Dragonerosficiers an. Sie irren alle, sagt ein großer Dichter, nur Jeder irrt anders. In einer Volksreligion sind mehr philosophische Sätze eingewebt, in einer weniger. Und daher giebt es über Gott, Mensch, moralische Natur und Zustand nach dem Leben unendliche Meinungen und Systeme, die eine alberner als die andere, je nachdem mehr die Phantasie und die Empfindung die Begriffe gebildet oder nicht. Jedes Volk bestätigt auch seine Meinung mit der einzig wahr vermeinten oder wirklichen Offenbarung. In den philosophischen Systemen hat die Einbildungskraft nichts zu schaffen. Seine Meinungen sind die Resultate, die Männer von vorzüglichem Kops durch Nachdenken und Verstand ohne eine vorgegebene, eingebildete oder wirkliche Offenbarung von dem genannten Gegenstande herausgebracht haben. Ganz rein und unvermischt von aller bildlichen Darstellung haben sich seine Begriffe nicht erhalten können, da sie immer durch Worte ausgedrückt werden müssen, und alle Worte sind mehr oder weniger anthropomorphistisch. Aber der Philosoph weiß, daß er diesem Uebel nicht entgehen kann, und wenn er sich auch des Wortes bedient, so hütet er sich doch die Folgen gelten zu lassen, die aus der Bedeutung des Wortes fließen. Also sein Gott, den er sich auch immer als ein körperliches Wesen denken muß, sobald er sich von ihm eine bildliche Darstellung machen will, ist ein Gott der Abstraktion, ganz Geist, ganz Kraft, — Geist, Kraft sind

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