Mannheim
Compact Memory

Zeitschrift für die Geschichte der Juden in Deutschland · 1887-01-01 · Heft 3 · p. Seite 258

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Zeitschrift für die Geschichte der Juden in Deutschland
Volume
1887
Issue
Heft 3
Article
Ein Brief Moses Mendessohns und sechs Briefe David Friedländers
Date
1887-01-01
Page
Seite 258 (sequence 6)
Language
German
Belongs to
article
OCR quality
96% known words query
IRI
…/2259275-2259313-2259317-2263304--0287-2263386
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

Mentioned entities

OCR text

1 entity mentions

258 Ludwig Geiger, Ein Brief Moses Mendelssohns 1. Berlin, 18. Elul 5549 (Aug. 1789). Mein lieber Reb Meier! Ihr Schreiben vom 11., worin Sie mir von der Feuersbrunst in Glogau Nachricht ertheilen, hat mich dermaßen gekränkt, daß, wenn ich Ihnen gleich geantwortet hätte, Sie einen sehr heftigen Brief erhalten haben würden. Jetzt bin ich ruhiger und schreibe Ihnen deshalb in deutscher Sprache, weil sich im Hebräischen sowohl die abergläubischen Gesinnungen, wie die vernunftmäßigen Urtheile so ausnehmen, daß man leicht jene für Ausbrüche andächtiger und diese für freigeistrische Meinungen halten könnte. In deutscher Sprache verschwindet der Nebel und die Wahrheit erscheint in ihrem reinen, mit keiner Bildersprache verunreinigten Dialekte. Daß Sie aber nicht ganz ungestraft über Ihren Brief fortkommen, so bezeige ich Ihnen hiermit meinen höchsten Unwillen und versichere Sie, daß mir ein so gottloses, vernunftspottendes, Menschen herabwürdigendes Schreiben so leicht nicht vor Augen gekommen ist. Ihren Brief erhalten Sie einliegend zurück, damit Sie sehen können, daß ich Ihnen in der Folge nicht zuviel thue, wenn ich Ihre eigenen Worte übersetze. Nach Ihrer Beschreibung war es „just') an einem Sabbath, wo unser lieber Herrgott unwillig wurde oder übler Laune war, und eine glühende Kohle durch einen Nordwind anblies, daß sie die nächsten Materialien ergriff und die Flamme ausschlug." Da Gott Christen und Juden strafen wollte, vermuthlich wegen ihrer Sünden, so handelte er nicht weise genug, daß er just abwartete, daß der Jude oder Christ aus Nachlässigkeit eine Kohle blos liegen ließ. Nun konnten die Ketzer sagen: wahrlich Gott hat an dem Brande keine Schuld, der hundsföttische Glogauer Jude hat Schuld, der auf sein Gesind nicht acht gab und keine Ordnung hält. „Er überhüpfte die Häuser der Juden." Woher wissen Sie das? Haben Sie die Engel Gottes gesehen, wie sie mit ihren sechs Flügeln die Flammen auslöschten, die die Judenhäuser anzünden wollten, oder war es bloß der Windstoß, der über die niedrigen Häuser wegging und die großen anzünden half? Ich habe in Königsberg eine Feuersbrunst erlebt, die nach Ihrer Meinung Gott zur ewigen Schande gereichen müßte. Eine ganze Straße, freilich nicht „von Marmor und gehauenen Steinen gebaut", wie die Ihrige, brannte ab, und ein Haus blieb mitten darin unversehrt, und das Haus — gehörte einem getauften Juden. Übrigens finde ich nirgends, daß in Glogau marmorne Gebäude sind, Sie haben wol nur Bibelsprache genommen. „Die heilige Schul hat er errettet." Die Schul, wo, seitdem sie gebaut worden, kein Andächtiger weiß, was er betet und wo drei Viertel Die in diesem Brief und in den folgenden in „ " eingeklammerten Worte und Sätze sind im Originale hebräisch. Ich habe solche Stellen deutsch gegeben, obwol es, um die eigentümliche Färbung des Briefes zu erhalten, wünscheuswerth gewesen wäre, sie hebräisch zu lassen. Diese Übersetzung ist (im I. 1871) unter den Augen und mit Unterstützung meines Vaters angefertigt worden. Schon damals dachte ich an eine Herausgabe der Briefe.

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.