Zeitschrift für die Geschichte der Juden in Deutschland
- Journal
- Zeitschrift für die Geschichte der Juden in Deutschland
- Volume
- 1887
- Issue
- Heft 2
- Article
- Briefe von, an und über Mendelssohn
- Date
- 1887-01-01
- Page
- Seite 126 (sequence 18)
- Language
- German
- Belongs to
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126 Ludwig Geiger, Briefe von und an Mendelssohn. „Bildung, sagen Sie, zerfällt in Kultur und Aufklärung. Kultur ist ein entliehenes Wort und heißt auf deutsch Bearbeitung von eolero. Der lateinische Gebrauch des Worts ging weiter als der unsrige. Man sagte auch vom Gottesdienst eultus und so wie die Götter der Menschen Machwerk waren, könnte auch der Dienst, den man ihnen erwies, wol mit Recht eine Bearbeitung genannt werden. Wir scheinen für den Eindruck zu erröthen, uicht immer für die Sache. „Da Kultur Bearbeitung ist, so würde ich sagen, Aufklärung würkt Bearbeitung und aus Bearbeitung entsteht Bildung. Aufklärung geht immer der Bearbeitung voran, wenn sie gleich oft unter der Bearbeitung entsteht. So geht die Kraft der Lawine immer der Vergrößerung voran, wenn gleich durch die Vergrößerung immer die Kraft vermehrt wird. „Von der Sprache würde ich also nicht sagen, daß sie Aufklärung erlange, wol aber daß sie durch Aufklärung bearbeitet und gebildet werde. „Ich würde nicht sagen, die Nürnberger haben mehr Kultur, die Berliner mehr Aufklärung. Ich werde sagen, nie fand ich in speculativischen Wissenschaften und in practischer Weisheit mehr Aufklärung und Kultur als ich bei Mendelssohn fand. Nirgends weniger als in der Geisterschwärmerei... „Und die Franzosen mehr Kultur, die Engländer mehr Aufklärung? Liebster Mendelssohn, wie wollen Sie das behaupten? Lassen Sie den Franzosen Politur, Glattheit, Geschliffenheit, aber wo war auf dem Erdenrund mehr Kultur als in England? Nehmen Sie die schönen Künste, was waren dagegen die Griechen? O, daß nicht ganz Europa einsieht, daß England niederreißen dem höchsten Grade der Bildung den Krieg anzukündigen und zur Fahne der Barbarei schwören heißt. Ich weiß wohl daß unsere Odendichter dabei die Nase rümpfen werden, aber was gehen uns die Pharisäer oder Bedlamiten an? „Gilt meine Meinung, so bedarf der Mensch als Mensch allerdings der Kultur----Der isolirte Mensch ist des Genusses fähig und also auch der Bearbeitung sowohl der geistigen als der leiblichen, der Politur weniger. „Diese Sätze sind vorläufig. Nun unsre Hauptirrung. „Menschenaufklärung, sagen Sie, kann mit Bürgeraufklärung in Streit kommen. Da sei Gott vor. Der Gegensatz von Aufklärung ist Verblendung, aktiv oder passiv Barbarei oder Dummheit. Bei jenem Streit also müssen Menschen zur Barbarei verleitet oder in Unwissenheit erhalten werden. Hier wird Gott in Widerspruch mit sich selbst gesetzt. Er hat eine Kraft im einzelnen Menschen geschaffen, um im geselligen Menschen unkräftig oder unthätig zu bleiben. Soll das nicht sein, so hat die bürgerliche Verfassung das Recht und dann müssen wir nicht mehr sagen Bürgeraufklärung, sondern Bürgerverblendung...... „Mißbrauch der Aufklärung verstehe ich ebenso wenig als Dunkelheit des Lichts. Bei der Kultur muß man, däucht mich, sehr dahin sehen, daß Aufklärung immer den Borsitz behalte. Dieses ist nothwendig, damit Kultur nicht die edle Bestimmung des Menschen verfehle, der erhabene Geist nicht ein schaler Oden- oder Heldendichter, der Reformator nicht ein Münster und Tell, nicht ein irischer Volontär oder so klein werde als in Stolbergs