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Zeitschrift für die Geschichte der Juden in Deutschland · 1887-01-01 · Heft 2 · p. Seite 122

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Journal
Zeitschrift für die Geschichte der Juden in Deutschland
Volume
1887
Issue
Heft 2
Article
Briefe von, an und über Mendelssohn
Date
1887-01-01
Page
Seite 122 (sequence 14)
Language
German
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122 Ludwig Geiger, Briefe von und an Mendelssohn. mahl der Niederlassung ihrer Glaubensgenossen widersetzen. Am auffallendsten aber ist das Betragen der Juden in Ansehung des Kaisers, welches Ihnen besser bekannt ist, als mir, da ich weiter nichts davon weiß, als was ich von H. Weßelh's Schrift gehört habe. Von dem Beharren der Juden an ihre Gebräuche, dnrch welche sie die Nationen, unter denen sie leben, wie die Indianischen Brammen die Bareier, von sich stoßen, will ich nichts erwehnen, da solche unabänderlich scheinen, aber an die allgemeine Verfeinerung und Ausarbeitung der Seelenkräfte sollten doch die Juden Antheil nehmen können, und daß sie hier noch sehr zurückstehen, ist wohl nicht zu läugnen, und selbst in Berlin, wo die Juden wenigstens im äußern Anstriche der feinen Sitten gebildeter sind, als in den meisten andern Städten, und wo sie einen Mendelssohn unter sich haben, dessen Beispiel sie zu einer bessern Denkungsart führen könnte, giebt es wohl sehr wenige Juden, die sich nicht klüger dünken als Sie, weil Sie gemeinnützig denken, und iene die Kunst verstehen sich zu bereichern. ^) „Dieser Zustand der Juden hat mich veranlasset, und wird wohl die Vertheidiger der Vorurtheile noch mehr veranlassen, einer Verteidigungsschrift der Juden, wie die des gelehrten Manaßehs, weit weniger Gewicht zu geben, als der reinen und unwidersprechlichen Philosophie eines Mendelssohns, und da Sie durch Erneuerung einer veralteten Schrift, einer abgeschliffenen Münze gleichsam Ihr Stempel gegeben haben, war mir die Abweichung meiner Denkungsart von der Ihrigen zu auffallend, um mich nicht darüber mit Ihnen zu unterhalten. Ich glaube nicht befangen zu sehn, denn wenn ich eine Schutzschrist der Christen an den Kaiser von Japan schreiben sollte, würde ich meine Gründe nicht von den Christen hernehmen, die ich in der Moralität ihres Wandels und ihrer Denkungsart keineswegs den Juden vorziehe, ob ich gleich das eigentliche Christenthum eben so gut kenne, als Sie das eigentliche Judenthum, und in beiden unseren Gesinnungen wahrscheinlicher Weise nicht von einander abweichen können, da wir einen Gott kennen, dessen Bund älter ist, als der alte und neue Bund, dem wir aber für behde danken. Aber freilich muß man im Stillen danken, daß es die Priester Baals nicht hören, die sonst verlangen, daß man für ihren Götzen die Knie beuge, oder wohl gar, wie Nikolai, aus der Anbetung des einigen Gottes einen Baßemet machen und Gott weiß welche Abscheulichkeiten uns andichten. „Aus Nikolai kann ich mich nicht finden, ich mögte ihn nicht gerne einen gelehrten Schwätzer und intereßirten Wahrheitskrämer nennen, und doch kann ich seine Jnconsequenzen nicht anders entschuldigen. Seine Anschuldigungen der Tempelherren empöret die Menschlichkeit, sowie seine Unbestimmtheiten in der Philosophie, welche sich höchstens zum Roman schwingen kann, den Verstand irre machen. Man mag die Tempelherren beschuldigen, was man will, so kann man die gegen sie verübte Grausamkeiten nicht rechtfertigen, die weiter, als alle Verbrechen, gehen. Ich finde, ich gestehe es Ihnen, die Calvinisten in Frankreich, weit strafbarer, als 2) Anmerkung von Hennings Hand: Ich habe in Berlin mehr als einen vernünftigen Juden sagen hören, Mendelssohn ist ein Phantast.

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