Zeitschrift für die Geschichte der Juden in Deutschland
- Journal
- Zeitschrift für die Geschichte der Juden in Deutschland
- Volume
- 1887
- Issue
- Heft 2
- Article
- Briefe von, an und über Mendelssohn
- Date
- 1887-01-01
- Page
- Seite 120 (sequence 12)
- Language
- German
- Belongs to
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120 Ludwig Geiger, Briefe von und an Mendelssohn. wo jetzt so viel menschliches mit unterläuft, daß man immer eben sovieles gegen als für sich hat. „Um bey den Juden stehen zu bleiben, so ist es wohl offenbar, daß ihre Vorrechte als Menschen, welche auf jede Bildung und Glückseligkeit im Staate Anspruch machen können, größere sind als ihre Vorrechte als Juden. Insonderheit scheinen mir die Gründe sehr schwach, welche man aus dem Judenthum für ihre Toleranz nimmt. Die Geschichte des alten Testaments ist voll von Geweisen, wie wenig duldend die Juden waren und dieses auf Rechnung der allgütigen Gottheit zu schieben, widersteht meiner Ehrfurcht für dieselbe, welche mir zu heilig ist, um Blut und Mord durch den Vater des unendlichen Weltkreises zu entschuldigen. Ich weiß nicht einmahl, welches Organon die Gottheit hat, etwas anzubefehlen, das wider die ersten Grundgesetze der Natur, wider Tugend und Rechtschaffenheit ist. Was für diese spricht, weiß ich; wie aber Gott, selbst mit aller Allmacht, mir faßlich machen könnte, daß er etwas dagegen befehlen wolle, kann ich nicht begreifen, Gott müßte mir denn die Urtheilskraft nehmen, mein inneres Gefühl unterdrücken und die Harmonie, in der die Tugend ruhet, unterbrechen und statt dessen eine blinde Überzeugung in meine Seele gießen, daß sie durch mechanische, durch ein Wunder seinen Willen vernehme, d. h. wenn es auf Verfolgung ankommt, wie ein Rasender, der vom sanatischen Eiser beseelt, seiner nicht bewußt ist, wüte, und für diesen Zustand wird Gott mich und ieden Menschen behüten. — Ich gestehe Ihnen also, daß ich den Ausdruck Manassehs, einer ungesetzmäßigen Zulassung Gottes die Egyptier zu berauben nicht verstehe, ob ich gleich den Juden aus dieser Handlung keinen Vorwurf machen will, indem ich sie, wie iedes kriegerisches Versahren, wie z. B. das Plündern der Engländer auf St. Eustachius, ansehe. Ebenso wenig kann ich die Ausrottungen so vieler Geschlechter und Völker, welche den Juden anbefohlen werden, als Ausnahmen der Duldung ansehen, welche Gott besonders anbefohlen. Sie scheinen mir vielmehr geradezu zu beweisen, daß die Juden sehr zur Verfolgung geneigt waren, wenn sie, es sey in Religionsparthehen oder in Siegen über ihre Feinde die Oberhand hatten. Auch das strenge jüdische Gesetz, Gottesleugner zu steinigen, beweiset dies; da es, so wenig sonst die gänzliche Verläugnung Gottes zu dulden ist, doch eine zu gewaltsame Strafe war, welche alle Belehrung und Besserung aufhob; denn wer kann den Gott erkennen, der mit Steinen predigt? „Manasseh beruft sich freilich auf einzelne Schriftstellen und Beweise, um zu zeigen, daß den Juden Verträglichkeit anbefohlen war. Man kann aber vielmehr daraus schließen, daß sie solche nicht übten, so wie man aus Juvenals Satiren die Tugenden sehen kann, welche den Römern fehlten. Wenn Josephus sich dem Volke widersetzt, das die Trachoniten beschneiden will, so beweiset dies vielmehr, daß die Juden Bekehrungsgeist hatten, als das Gegentheil. Das demüthige Bezeigen der Hohenpriester gegen Alexander und gegen die römischen Kaiser beweiset ebensowenig die Liebe der Juden für fremde Nationen. Der unparteiische Mann stehet hier nichts als die Unterwürfigkeit des Schwächern, der verfolgen würde, wenn er herrschte. Solche Gesinnungen aber sind der wahren Duldung völlig entgegen. Und