Zeitschrift für die Geschichte der Juden in Deutschland
- Journal
- Zeitschrift für die Geschichte der Juden in Deutschland
- Volume
- 1887
- Issue
- Heft 2
- Article
- Briefe von, an und über Mendelssohn
- Date
- 1887-01-01
- Page
- Seite 118 (sequence 10)
- Language
- German
- Belongs to
- article
- OCR quality
- 95% known words query
- IRI
…/2259275-2259313-2259316-2263182--0133-2263212- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
Mentioned entities
OCR text
118 Ludwig Geiger, Briefe von und an Mendelssohn. gab, so war es Lessing. Die am meisten wider ihn eingenommen waren, wußte er in einer Stunde persönlichen Umgangs zu gewinnen, und gleichwohl ist ihm meines Wissens nie eine geflissentliche Schmeichelei aus dem Munde gegangen; ja er hatte sogar die — wie soll ich es nennen? — Bizarrerie, ein abgesagter Feind von der äußern Höflichkeit zu sehn. Seine gesellschaftlichen Tugenden bestanden vielmehr iu ächter Theilnehmung, aufrichtiger Dienstbeflissenheit, in der äußersten Entfernung von Eigennutz und Eigendünkel, und in der milden Bereitwilligkeit, einem jeden mit seinem Reichthum an Begriffen so zuvorzukommen, daß man sich in einer Unterredung mit ihm allezeit scharffinniger glaubte, als man wirklich war, ob man gleich nicht unterlassen konnte, dessen Überlegenheit innerlich recht sehr zu fühlen. Sarkastisch und bitter gegen jeden Geck, der sich die Wahrheit allein gefunden zu haben einbildete, war er liebreich und bescheiden gegen jeden, der Wahrheit suchte, und zu allen Zeiten bereit, ihm mit seinem Vorrathe zu dienen". Auf diese Stelle antwortet Hennings in seiner unmittelbar (15. Mai 1781) erlassenen Erwiderung: „Lessings Tod ist eine wichtige Epoque in der Menschheit. Vielleicht werden Vielen, die ihn bisher miskannten, die Augen geöffnet. Ich wünsche, daß Ihre feierlichen Gesinnungen, die so voll Freundschaft, Wahrheit und Theilnehmung um das Schicksal der Menschheit sind, allgemeiner werden und so etwas zur besseren Erkenntniß behtragen könnten. Viele reden itzt, die sonst schwiegen. Nicht einer einzeln so nachdrücklich, als er, aber alle zusammengenommen stärker. Und doch scheint es, statt weiser zu werden, werden wir immer weicher und schwächer". In diesem Zusammhang mag noch eine fernere Stelle Hennings an E. (Elise Reimarus) angeführt werden: „Alles was Lessing schreibt, ist mit denkenden Seelen wie Accente harmonischer Musik eintönend, wenngleich seine Meinungen nicht die unsrigen sind. Der Gedankenflug ist immer verbrüdert, die Exertion der innern Kraft ist immer gleich gespannt. Also auch Dank an Lessing, daß er Aufklärung, Enthüllung in einem Wege suchte, indem mir immer die Grenzen gewiß geschienen haben. Wer kann alle die Pforten nennen, die die Gottheit eröffnen kann, Licht auf uns zu verbreiten? Wir wissen ja nichts von den Kräften, die in der Natur liegen außer dem Anblicke solcher Wunder als wir sehen und der Erwartung solcher Wunder als uns bevorstehen. Gott müßte denn nicht Gott und Alles was mit uns ist, was wir sind, müßte ein Traum, ein Spielwerk, ein Fantom sein. Es ist also gerne möglich, daß auch Lessing in seinem Schwärmen, erlauben Sie mir diesen Ausdruck, uns zu neuem Anschauen hellerer Wahrheiten führe". Die große Lücke, die zwischen dem obenangeführten Briefe Mendelssohns vom 8. Mai 1781 und dem in Mendelssohns Schriften V, 597 ff. (der dort fehlende Schluß steht bei Kayserling S. 532) abgedruckten Briefe besteht, vermag ich nur durch zwei Schreiben Hennings auszufüllen. Das letztere (undatirt) ist eine sehr lange metaphysische Abhandlung, mit deren bloßer Erwähnung ich mich begnüge; das erstere (27. April 1782) mag, obwohl es gleichfalls von bedeutendem Umfange