Zeitschrift für die Geschichte der Juden in Deutschland
- Journal
- Zeitschrift für die Geschichte der Juden in Deutschland
- Volume
- 1887
- Issue
- Heft 2
- Article
- Briefe von, an und über Mendelssohn
- Date
- 1887-01-01
- Page
- Seite 117 (sequence 9)
- Language
- German
- Belongs to
- article
- OCR quality
- 98% known words query
- IRI
…/2259275-2259313-2259316-2263182--0132-2263211- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
Mentioned entities
OCR text
Ludwig Geiger, Briefe von und an Mendelssohn. 117 macht mein Buch zur Staatsschrift, zur Religionsschrift? Ich schrieb es freilich für die Menschheit, aber nicht für die Menschheit in versammelten Staaten, nicht für Regierungen, sondern für einige wenige, die gute Empfindungen, reine Begriffe lieben, es fey nun, daß sie an der 'öffentlichen Regierung Theil nehmen oder daß sie sonst an der Stelle, wo sie stehen, Aufklärung und durch diese Tugend verbreiten können. In dieser Absicht freute ich mich, in einem duldenden Staate, in einem Vaterlande zu sehn, dem ich mit aller der Wärme, der ich fähig bin, sowohl in der Beförderung des Wohls einzelner Bürger, als in Erhaltung des Gesammtinteresse, alle meine Neigungen und Kräfte weihe. Hier glaubte ich sicher der Menschheit noch immer nöthige Tugenden habituell machen zu können, und ist es nicht besonders, daß man mir aus dieser gewiß ganz unschuldigen Absicht einen Vorwurf macht, gerade da es die Frage ist, ob ich in diesem duldenden Staate das Opfer der Unduldung geworden bin oder nicht?" Der folgende Brief Mendelssohns vom 20. Juni 1780 ist bei Kahserling S. 528 flg. gedruckt. Mendelssohn räth darin Hennings jede polemische Thätigkeit ab und weift daraus hin, daß der Schreiber die üblen Folgen einer solchen Thätigkeit vorausgesagt habe. Der Schluß, der bei Kahserling fehlt, lautet: „Ich würde mich weitläufiger hierüber erklären, wenn ich wüßte, daß es Ihnen nicht unangenehm wäre. Sie scheinen mir aber auf Ihrem Plan allzusehr zu bestehen, um einen ungerufenen Wegweiser anzuhören, der Sie einen andern Weg führen will. Leben Sie wohl!" In seiner (undatirten) Antwort dankt Hennings für den freundschaftlichen Rath, theilt mit, „daß er die Bahn des Schriftstellers verlasse, um eine glücklichere zu betreten", übersendet sein Schristchen „über die Duldung", das zugleich ein Zeichen seiner Mäßigung sein soll, deutet eine Sammlung aller Streitschriften an, welche Proft herausgiebt, beweist aber das sehr geringe Maß seiner Zurückhaltung durch die Worte, die er über einen Gegner braucht: „Würden Sie diesen bedauern, wenn er gehangen werden würde?" Der folgende Brief Mendelssohns ist vom 8. Mai 1781 (Kayserling S. 529—532). Er enthält jene schöne Stelle über Lessing, die, obwohl gedruckt, Werth ist, nochmals angeführt zu werden: „Mich beschäftigt itzt der einzige Gedanke: Lessings Tod. Er macht mich nicht traurig, nicht tiefsinnig; aber er ist mir immer gegenwärtig wie das Bild einer Geliebten. Ich schlafe mit ihm ein, träume von ihm, wache mit ihm auf und danke der Vorsehung für die Wehlthat, die sie mir erzeigt hat, daß ich diesen Mann so frühzeitig habe kennen lernen, und daß ich seinen freundschaftlichen Umgang so lange genossen habe. Die Welt kennt seinen schriftstellerischen Werth, wenige aber kennen seinen freundschaftlichen Werth; ja ich finde, daß sein moralischer Werth überhaupt von vielen sogar mißkannt werde. Auch die Begriffe von Tugend und Sittlichkeit sind der Mode unterworfen, und wer sich nicht nach den Modebegriffen seines Jahrhunderts schmiegen kann, der wird von seinen Zeitgenossen verkannt und verschrien. So viel scheint mir indessen außer allem Zweifel zu seyn: Wenn irgend ein Mensch besser war als er sich in seinen Schriften zu erkennen