Zeitschrift für die Geschichte der Juden in Deutschland
- Journal
- Zeitschrift für die Geschichte der Juden in Deutschland
- Volume
- 1887
- Issue
- Heft 2
- Article
- Briefe von, an und über Mendelssohn
- Date
- 1887-01-01
- Page
- Seite 114 (sequence 6)
- Language
- German
- Belongs to
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114 Ludwig Geiger, Briefe von und an Mendelssohn. So wenn der Rechnungsführer mein Freund oder mein Sohn wäre, würde mir seine Fehlbarkeit unangenehmer sehn als ein leidlicher Verlust. Das Wort Vorurtheil selbst ist, so viel ich weiß, ursprünglich juristisch, und seiner ersten Bedeutung nach gut. Man verstehet dadurch in der Jurisprudenz, ein Urtheil, das andere Richter, denen wir Beurtheilungskraft zutrauen, in ähnlichen Fällen haben ergehen lassen, auf deren Ansehen wir uns berufen, so oft die Entscheidung im gegenwärtigen Falle uns zu schwer fällt. Dieses sind die Vorurcheile des Ansehens und der Erziehung, die aus Wahrheit und auf Jrrthümer führen können. Daher es wahre und auch falsche?ra^uÄieia ^) geben kann. — Da nun der Weise selbst die Grundsätze seiner Handlungen, beh jedesmahliger Anwendung derselben, nicht immer wieder vornehmen und von Neuem untersuchen kann, sondern sich sehr oft auf eine Untersuchung verlassen muß, die er zu einer andern Zeit angestellt, und deren Entscheidungsgründe ihm itzt nur dunkel behwohnen und gleichsam vorschweben; so hat man die Bedeutung des Wortes Vorurtheil auch auf solche allgemeine Urtheile ausgedehnt, die wir itzt ohne Untersuchung, als Prämissen brauchen, mit Beziehung auf eine vormals darüber angestellte Untersuchung, deren wir uns, wiewohl nur schwach, erinnern. Daher ihre Trüglichkeit, aber auch ihre Notwendigkeit. — Hieraus läßt sich auch begreifen, warum ein Vorurtheil allezeit in den Prämissen, niemals in den Conclusionen liegen könne, auch nicht in der Anwendung der Prämisse, und dieses ist der Unterschied zwischen falschen Vorurtheilen und Jrrthümern. Sie haben gesagt, Sie könnten beynahe denjenigen hassen, der sich unterstände, den Vorurtheilen das Wort zu reden. Sie sehen, welcher Gefahr ich mich aussetze. Allein Sie sind der Freund, von dem ich gesagt habe, daß ich es nicht gern sehe, wenn er Versehen durch Versehen aufhebt. Zudem weiß ich auch, daß Sie das Wort in einem praktischen Verstände nehmen, in welchem es eine weit eingeschränktere Bedeutung hat, als in der allgemeinen Theorie. Mithin gehen wir im Grunde blos in Worten von einander ab. In der Sache selbst werden wir.uns gar bald vereinigen. Der Sprachgebrauch aber ist, wie ich glaube, mehrentheils auf meiner Seite, wiewohl er seiner Gewohnheit nach, sehr oft schwankend ist, und daher er so manche entgegengesetzte Urtheile und anscheinende Widersprüche veranlaßt, und zu manchem entsetzlichen Misbrauch der unschuldigen Wahrheit Gelegenheit gegeben hat. Jeder Heuchler, jeder eigennützige Bube hat seine Abscheulichkeit damit zu beschönigen gewußt, daß die Vorurtheile dem menschlichen Geschlechte nützlich sehn und damit haben sie in Gottes Namen Jrrthümer auf Jrrthümer und Elend auf Elend gehäuft. Der Menschenfreund stehet dieses mit Schaudern, und möchte gern den Grund erschüttern, auf welchen jene mit Sicherheit bauen. Daher der Haß, den Sie, mein Freund, den Sachwaltern des Vorurtheils drohen! Meine Rabbinen sind seither ziemlich stille. Was sie zum Schweigen gebracht haben mag, weiß ich nicht. Bessere Erkenntniß sicherlich nicht. 2) Eigentlicher wohl?raejuäieaw. (Anmerkung Mendelssohns oder Hennings').