Zeitschrift für die Geschichte der Juden in Deutschland
- Journal
- Zeitschrift für die Geschichte der Juden in Deutschland
- Volume
- 1887
- Issue
- Heft 2
- Article
- Briefe von, an und über Mendelssohn
- Date
- 1887-01-01
- Page
- Seite 110 (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
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110 Ludwig Geiger, Briefe von und an Mendelssohn. sind wir einander sehr gut. Schade, daß er so unstät ist, und keine günstige Gelegenheit finden kann, sich allhker festzusetzen. Ich glaube, daß er nirgend sein Genie so entwickeln kann, als allhier, wo er sich in der That auch gefallen würde. Die unglückliche Liebe für die franz. Litteratur benimmt der deutschen alle Hoffnung eines bessern Fortganges. Lessing soll anjetzo, wie verlautet, die Fortsetzung seines Laocoons schreiben, auch nächstens noch ein neues Lustspiel herausgeben. Man verspricht uns auch ein neues Trauerspiel von Kloppstock und eins von Gerstenberg. Was halten Sie von Wielands ^Zatkon? Wir haben seit einigen Messen kostbare Stücke von deutscher Litteratur erhalten. Lessing, Gerstenberg, Härder, Wieland, der seel. Meinhard, was diese Leute schreiben, ist gleichsam in einen h'öhern Ton gestimmt. Klotz in seinen tat. Schriften nicht auszulassen, wenn anders eine tat. Production zur deut. L. zu rechnen ist. Warum schreibt der Mann so wenig Deutsches? Die Muttersprache wird sich rächen, und ihm zuletzt weniger zu Willen sehn. Jedoch genug! Dieses ist mehr, als Sie vielleicht haben wissen wollen. Ich verharre mit aller ersinnlichen Hochachtung Berlin, d. 1. Sept. 1767. Ew. Hochwohlgebohr. gehorsamster Diener Moses Mendelssohn. Der vorstehende Brief, (aus der reichen Sammlung des Herrn C. Meinert in Dessau) ist mir von dem Besitzer in liebenswürdigster Weise zum Zwecke der Veröffentlichung übergeben und ist buchstäblich nach der Schreibweise des Originals mitgetheitt worden. Der Adressat ist mir nicht bekannt; daß er ein außerhalb Preußens lebender Schriftsteller war, geht aus Andeutungen des Briefes hervor. Die übrigen Andeutungen indessen, daß er Mendelssohn ziemlich befreundet war, daß er Lessing nahe stand und daß er die bedeutenden Productionen des deutschen Büchermarktes mit Aufmerksamkeit verfolgte, sind zu vage, um bestimmte Schlüsse zu erlauben. Die literarhistorischen Angaben und Anspielungen des Briefes bedürfen kaum einer Erklärung. Die in unserm Briese erwähnten Nicolai und Lessing sind bekannt genug. Die Angaben über Lessing sind nicht genau, vielleicht durch einen Schreibfehler verschuldet; nicht ein neues „Lustspiel", sondern ein Trauerspiel wurde damals von Lessing zur Veröffentlichung vorbereitet: „Emilia Galotti". Das von Klopstock erwartete Trauerspiel ist der Bardiete „die Hermannsschlacht", damals gedichtet, freilich erst einige Jahre später veröffentlicht. Das von Gerstenberg ist der schreckliche „Ugolino", der in Hamburg 1768 erschien. Unter den sonst erwähnten Schriftstellern verdient nur Meinhard ein erklärendes Wort. Joh. Nik. Meinhard, geb. 11. Sept. 1727, gest. 15. Juni 1767 und zwar in Berlin, hatte sich durch Gedichte, Recensionen, Übersetzungen aus dem Griechischen, Englischen, Französischen, Italienischen,