Zeitschrift für die Geschichte der Juden in Deutschland
- Journal
- Zeitschrift für die Geschichte der Juden in Deutschland
- Volume
- 1887
- Issue
- Heft 1
- Article
- Zur Geschichte der Juden Deutschlands im frühern Mittelalter
- Date
- 1887-01-01
- Page
- Seite 94 (sequence 30)
- Language
- German
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94 R. Hoeniger, Zur Geschichte der Juden Deutschlands im frühern Mittelalter. am weitesten ihren christlichen Mitbürgern sich genähert hatten, ihre vollständige Verschmelzung durch die Taufe besiegelten. Stobbe weist daraus hin, daß an den verschiedensten Orten Deutschlands Bürger erwähnt werden, welche den Namen oder den Beinamen ^uäeu8 führen'). Eine andere Erklärung, als die, daß es getaufte Juden oder deren Rachkommen sind, ist schwerlich zulässig. Man kann die Thatsache selbst als ein Symptom auffassen, daß die Geschichte der Kölner Juden anderwärts ihre Analogien hat. Der Assimilirungsproceß hat bezüglich der Juden eine gewaltsame Unterbrechung erfahren. Für die überwiegende Masse derselben stellte sich als Endergebniß die streng durchgeführte Absonderung heraus, die wir genügend kennen. Welcher Art waren die Gegentendenzen, welche den Fortgang dieser bereits bis zu gewissem Grade gediehenen Verschmelzung hemmten und in der Folge jede Gemeinschaft von Christen und Juden verhinderten. Wie weit nationale Antipathie und confessioneller Eifer hier mitgewirkt haben, entzieht sich einer exacten Beurtheilung. Im allgemeinen wird Niemand die Wirksamkeit dieser Factoren in Abrede stellen. Sofern aber ihr Eingreisen chronologisch bestimmt werden soll, kommen sie erst in zweiter Linie in Betracht. Für den Historiker fehlt es allerdings an Quellenmaterial, derartigen Stimmungen im Leben der Völker bis in die letzten Schlupfwinkel ihres geheimen Ursprungs nachzugehen, aber ohne weiteres wird man geltend machen dürfen, daß solche Empfindungen überhaupt erst im Gefolge anderweiter äußerer Momente und Interessengegensätze lebendig werden. Von einer bewußten nationalen Opposition gegen die Juden in Deutschland als ein fremdes Element ist bis in das späte Mittelalter nirgends die Rede. Aus confessionellem Gebiet tritt die Opposition allerdings schon in früher Zeit zu Tage. Die engherzige Ueberzeugung des auserwählten Volkes auf der einen Seite und auf der andern der unbegrenzte Anspruch einer Weltreligion mußten nothwendig zu Reibungen führen, und Kirche und Synagoge haben im Mittelalter gleichmäßig geholfen, den confessionellen Gegensatz zu verschärfen. Es genügt hierfür auf die vortrefflichen Untersuchungen Güdemanns über die Geschichte des Erziehungswesens und der Kultur der abendländischen Juden hinzuweisen. In der breiten Masse des Volkes scheinen solche Reibungen auf Grund theologischer Controversen einen Haß gegen die Juden nicht geweckt zu haben. Es bleibt einer spätern Untersuchung vorbehalten, an der Hand der Nachrichten über Judenverfolgungen in Deutschland zu zeigen, wie die ersten Spuren einer feindlichen Stimmung im Volke gegen die Juden in Deutschland erst aus den letzten Jahrzehnten des 5) Seite 268 Note 156.