Zeitschrift für die Geschichte der Juden in Deutschland
- Journal
- Zeitschrift für die Geschichte der Juden in Deutschland
- Volume
- 1887
- Issue
- Heft 1
- Article
- Zur Geschichte der Juden Deutschlands im frühern Mittelalter
- Date
- 1887-01-01
- Page
- Seite 90 (sequence 26)
- Language
- German
- Belongs to
- article
- OCR quality
- 94% known words query
- IRI
…/2259275-2259313-2259315-2263059--0099-2263162- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
90 R. Hoeniger, Zur Geschichte der Juden Deutschlands im frühern Mittelalter. Occupirung des Bodens z. Th. unter sehr erheblichen Jneinanderschiebungen erfolgt ist. Noch bunter muß sich die Völkermischung in den Städten gestaltet haben. Wie die Juden, mögen sich hier andere fremde Elemente seit der Römerzeit erhalten haben. Die „Friesenstraßen" in rheinischen Städten erinnern noch heute an geschlossene Ansiedelungen dieses ältesten gewerbe- und handeltreibenden deutschen Volksstammes. Und doch treten uns in der Folge geschlossene Stammesrechtsgebiete so gut, wie einheitliches Recht in den Städten entgegen. Es muß also unter allen Umständen ein Assimilirungsproceß eingetreten sein, in welchem das abweichende fremde Recht in dem maßgebenden Landesrecht aufging. Sollte man nicht annehmen dürfen, daß auch für das Sonderrecht der in deutschen Städten lebenden Juden ein gleicher Entwickelungsproceß ansetzte, der dann allerdings, gestört durch eine Reihe von Gegentendenzen, in seinem Fortgang aufgehalten wurde, so daß als Endergebniß im Gegensatz zu allen anderen fremden, aber assimilirungsfähigeren Elementen für die Juden jene consequente Fortbildung der eximirten Rechtsstellung eintreten mußte. Ich bin mir vollständig bewußt, wie schnurstracks diese Auffassung allen landläufigen Anschauungen über die Geschichte der Juden zuwiderläuft. Aber eine, wie ich glaube, unbefangene Betrachtung der Quellen, scheint mir schwerwiegende Beweisgründe für dieselbe zu ergeben. Es lassen sich zunächst verschiedene Momente der allgemeinen Überlieferung für die Anbahnung einer solchen Verschmelzung geltend machen. Die Ansiedelungen der Juden im Abendlande haben wir uns als Handelscolonien zu denken, ähnlich wie seit dem 12. und 13. Jahrhundert der deutsche Kaufmann im slavischen Osten und an den Küsten des baltischen Meeres bis hinauf nach Nowgorod die wichtigsten Verkehrspunkte und Märkte mit festen, dauernden Niederlassungen besetzte. Die allgemeinen Voraussetzungen, unter denen die Juden in Deutschland fteien Raum für die Entfaltung ihrer geschäftlichen Tätigkeit fanden, waren im wesentlichen die gleichen, wie im nördlichen und östlichen Europa für den fremden Kaufmann. Hier wie dort fehlten der einheimischen Bevölkerung zunächst in gleicher Weise die für eine erfolgreiche Handelsermittelung erforderlichen Verbindungen, Kenntnisse und kaufmännischen Gewohnheiten. So wurde der Jude ein wichtiges und zunächst unentbehrliches Glied im wirtschaftlichen Leben des Volkes. Die festgehaltene locale Absonderung hat zunächst nichts Auffallendes. Das geschlossene Zusammenwohnen bestimmter socialer, gewerblicher und commerzieller Gruppen entspricht einem allgemeinen mittelalterlichen Gebrauch und hat mit dem spätern gesetzlichen Ghettozwang ursprünglich nichts zu thun. Aus den fortwährend erneuten Concilien- und Shnodalbeschlüssen gegen Mischehen, freundschaftlichen Verkehr und Dienstverhältnisse